Piep-Zeitalter

31. Juli 2005, 20:06
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dag: Welche Rolle spielt unser Hirn im Alltag?

"Welche Rolle spielt unser Hirn im Alltag?", fragt (sich) Leser Ernesto P. Er hat Mitmenschen monatelang an jenen vor Straßenübergängen angebrachten Placebo-Kästchen beobachtet, die so tun, als ließen sie unsere Hände beeinflussen, wann Fußgängerampeln grün werden und wann (noch) nicht.

Der Hinweis "Ampelschaltung automatisch" irritiert uns dabei nur mäßig.Wenn wir einen Kreis sehen, der wie ein Knopf aussieht, dann müssen wir draufdrücken. Tun wir es gut, so ertönt als Belohnung ein Piepgeräusch. Dieses wirkt so befreiend freischaltend, dass wir nun minutenlang zu warten bereit sind, bis sich das Ampellicht bequemt, grün zu werden. Den Triumph, dies scheinbar selbst ausgelöst zu haben, nimmt uns keiner mehr.

Willkommen im Drück-und Piep-Zeitalter. Draußen duellieren sich Lkw-Rückwärtsgang-Fanfaren mit Pkw-Alarmsirenen. Im (35 Grad warmen) Büro versuchen drei Kolleginnen gleichzeitig, das unerbittliche Trällern von Anrufern zu ersticken. Indes macht der Zauberton der Mikrowelle nebenan ein Fertiggericht noch fertiger.

Zur Ausgangsfrage: Welche Rolle spielt unser Hirn im Alltag? - Eine untergeordnete. Piepen hat Denken weit gehend abgelöst. (Der Standard, Printausgabe 30./31.7.2005)
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