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29. Juli 2005, 21:09
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U2-Sänger und Live-8-Aktivist Bono Vox produzierte mit seinem Afrika-Engagement auch kritische Untertöne - Der Musiker im STANDARD-Interview

Bono Vox sprach mit Martin Scholz über seine heftigsten Kritiker, seinen Kreuzzug gegen das Sterben und seine guten Manieren.


STANDARD: Ihre Kollegin Sinead O'Connor hat die "Bono-trifft-Politiker-und- lässt-sich-mit-ihnen-fotografieren"-Rituale heftig kritisiert. Es sei gefährlich, Politikern den "Schwanz zu lutschen", Sie hätten Ihr Ziel auch ohne das erreichen können.

Bono Vox: Es ist nicht das erste Mal, dass jemand über ein Thema spricht, das er in seiner Komplexität nicht erfasst. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe das selbst oft gemacht. Der Punkt ist: Sineads These stimmt nicht. Ohne unsere Form der Kampagne, Druck auf die Politiker auszuüben, mit ihnen in Dialog zu treten, wären wir nie so weit gekommen. Die Fotos sind nur ein Teil davon.

STANDARD: Selbst Ihr Freund und Mitstreiter Herbert Grönemeyer ist da skeptisch. Er weigert sich, mit Politikern fotografiert zu werden - auch nicht für einen guten Zweck.

Vox: Ich respektiere diesen Standpunkt. Aber man darf diese Fotos nicht überbewerten. Das Entscheidende ist doch: Die auf dem G-8-Gipfel in Schottland beschlossene Verdopplung der Entwicklungshilfe für Afrika auf 50 Milliarden Dollar kommt nicht aus dem Nichts. Die Live-8-Konzerte waren der Showbusiness-Teil der Agenda, aber die alleine haben nicht zu diesem Ergebnis geführt. Wir haben das nur mit jahrelangem Verhandeln erreicht. Wir müssen uns immer wieder mit Vorbehalten auseinander setzen, die nicht nur Politiker, sondern auch Bürger mit der Aufstockung der Entwicklungshilfe haben. Sie sind skeptisch, dass das Geld gut angelegt wird. Sie sehen die Korruption, sie sehen, dass sich die Situation nicht verbessert hat, obwohl schon so viel Geld in Afrika investiert wurde.

STANDARD: Alles Kritikpunkte, die berechtigt sind.

Vox: Gerade deshalb müssen wir verantwortungsvoll weitermachen und nicht jene Leute enttäuschen, deren Geld wir dorthin leiten.

STANDARD: Einnern Sie sich noch an den Spitznamen, den Sie Jacques Chirac einmal auf einem MTV-Award gegeben haben?

Vox: Oh je, ich weiß, worauf Sie anspielen.

STANDARD: Sie haben ihn 1995 wegen Atomtests im Pazifik öffentlich als "Wanker" (deutsch: Wichser, Anm.) beschimpft. Erstaunlich, wie sehr Sie Ihre Meinung in Bezug ihn revidiert haben.

Vox: Man muss nicht in allem übereinstimmen um klarzukommen. Manchmal reicht es, wenn man in einer Sache einer Meinung ist.

STANDARD: Und das ist das Engagement für Afrika?

Vox: Ja. Chirac weiß viel über Afrika. Er braucht wenig Briefing, hat ein Gefühl für das Thema und weiß um dessen Komplexität.

STANDARD: Was hat die Wandlung vom deftigen Polterer zum diplomatischen Strippenzieher ausgelöst?

Vox: Ende der 90er engagierte ich mich erstmals für die Jubilee-2000-Kampagne zur Entschuldung armer Länder, vor allem Afrikas.

STANDARD: Aus dieser Aktion ist die von Ihnen gegründete DATA (Debt, Aids, Trade for Africa) hervorgegangen, die sich für Entschuldung, für fairen Handel und den Kampf gegen Aids einsetzt.

Vox: Im Verlauf dieser Kampagne hat sich mein Verhalten verändert. Ich sprach erstmals für Menschen, die keine Stimme hatten. Ich konnte es mir nicht mehr leisten zu posieren, auch wenn sich das für einen Rockstar gut macht. Ich habe eine Agenda, ein Ziel, das ich erreichen will. Der Unterschied zu früher ist: Ich spreche dabei nicht für mich, sondern für die Ärmsten der Armen. Das hat mir Manieren beigebracht.

STANDARD: Zuletzt wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten den Simplizismus, den Blair mit der "Kommission für Afrika" vorgegeben hat, mit Live 8 weiter betrieben: Armut beenden jetzt, das geht mit 25 Milliarden mehr, alles liegt in den Händen von acht Herren in dunklen Anzügen.

Vox: In der von Blair zusammengesetzten Kommission saßen viele Afrikaner und Entwicklungshilfe-Experten. Das war kein Gelehrtentreffen im Elfenbeinturm. Diese Kommission hat die Grundlage für die Diskussionen der G-8 geliefert. Die Forderung nach der Verdopplung der Hilfen war nicht willkürlich. Das ist exakt die Summe, die Afrika für die Behebung der drängendsten Probleme braucht. Wir haben es uns nicht so einfach gemacht, wie man uns das unterstellt. Wir wollten, dass auf dem G-8-Gipfel ganz konkrete Dinge als notwendig akzeptiert wurden. Zum Beispiel, dass Aidskranke Zugang zu antiretroviralen Medikamenten haben. Diesem Konzept wurde zugestimmt. Und: Wir wollen Malaria bekämpfen, das ist mein eigener, ganz persönlicher Kreuzzug. Wir haben jetzt das Geld, um die Ausbreitung von Malaria bis 2010 um 85 Prozent zu verringern.

STANDARD: Die Abschaffung der Exportsubventionen in den Industrienationen ist ein Hindernis. Haben Sie mit Politikern darüber gesprochen?

Vox: Ja, ich habe mit Chirac darüber gesprochen. Schröder hat nicht Unrecht, wenn er die Bedeutung des fairen Handels hervorhebt. Er ist so wichtig wie Entwicklungshilfe. Wir können das eine nicht ohne das andere machen. Wie sollen die Menschen in Afrika neue Industriezweige aufbauen, wenn sie vorher sterben? Wir versuchten Chirac auf einen Termin festzulegen, an dem über den Abbau von Exportsubventionen entschieden werden sollte.

STANDARD: Sie sagen das so staatsmännisch, als seien DATA oder U2 ein Staat, der über solche Reizthemen verhandeln könnte.

Vox: Wir waren nah dran, von Chirac einen Termin genannt zu bekommen. Wir haben UN-Generalsekretär Kofi Annan und den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki auf das Thema angesetzt, am Ende hat es nicht gereicht: Wir haben uns nicht durchgesetzt. Obwohl auch Bush signalisiert hat, dass er nachziehen würde, wenn die Europäer Subventionen reduzierten. Aber es ist schon ein Erfolg, dass der G-8-Gipfel signalisiert hat, den Abbau der Exportsubventionen voranzutreiben. Jetzt kommt das Thema im Dezember beim Treffen der Welthandelsorganisation in Hongkong auf den Tisch.

STANDARD: Dass Sie zu dem Rock'n'Roll-Kenner Clinton einen guten Draht hatten, hat niemanden überrascht. Bei George Bush hat man Mühe, sich das vorzustellen.

Vox: Ich hatte einige Treffen mit Bush. Wir sind in vielen Dingen sehr unterschiedlicher Meinung. Einmal hatte ich mich während eines Gesprächs im Oval Office beklagt, dass die von den USA bereitgestellten Aidsmedikamente nicht schnell genug zu den Kranken gelangen würden. Ich forderte ihn auf, das zu beschleunigen. Ich hatte mich in Rage geredet, war nicht zu stoppen. Bis er die Faust auf den Tisch knallte und mich anbellte: "Mensch, ich bin der Präsident, das ist das Weiße Haus, darf ich auch einmal etwas sagen?"

STANDARD: So viel zu Ihren guten Manieren.

Vox: Ich sagte auch brav: "Sorry, Mr President." Als ich ihn das letzte Mal traf, war er sehr zufrieden mit sich, im vergangenen Jahr 230.000 Afrikaner mit antiretroviralen Medikamenten versorgt zu haben. Ich konnte ihm nur gratulieren: Well done! Und legte nach: Sie müssen noch mehr auf den Tisch legen, das ist die Leidenschaft, die wir brauchen, Mr President.

STANDARD: Hilfen sind wenig effektiv, solange in den Ländern Afrikas Korruption und schlechte Regierungen herrschen. Südafrikas Präsident Mbeki präsentiert sich gerne als Botschafter des Kontinents. Im Ausland genießt er wegen seiner Wirtschaftskompetenz und Frieden stiftenden Vermittlungen hohes Ansehen. Im Inland ist er wegen seiner mangelhaften Aidspolitik umstritten. Sind Sie nur nett zu ihm oder sprechen Sie mit ihm über seine umstrittene Aidspolitik?

Vox: Ich war sehr wütend darüber, wie er das Thema Aids lange Zeit behandelt, vielmehr nicht behandelt hat, indem er es ignorierte oder behauptete, dies alles sei eine Verschwörung.

STANDARD: Haben Sie sich von Mandela beraten lassen, wie Sie mit Mbeki verhandeln sollten?

Vox: Ich habe Mandela sogar gebeten, in Südafrika wegen der schlechten Aidspolitik etwas zu unternehmen - was er auch gemacht hat. Die Aids-Aufklärungsgruppe TAC ist mit Rückendeckung von Mandela vor das Verfassungsgericht gezogen, hat den Staat Südafrika verklagt. Sie wollten erreichen, dass der Staat antiretrovirale Medikamente für schwangere HIV-Infizierte bereitstellt. Das Gericht hat TAC Recht gegeben. Das war ein Sieg. Inzwischen scheint sich auch Thabo Mbeki zu bewegen. Südafrika ist auf dem richtigen Weg und könnte der erste Staat des Kontinents sein, der in der Ökonomie der Ersten Welt ankommt.

STANDARD: Wie lange können Sie die Kampagne noch in dieser Intensität vorantreiben? Wird die Wirkung nicht irgendwann verpuffen?

Vox: Es ist eine unhippe Arbeit, so viel steht fest. Ich weiß, dass die Band aufstöhnt, wenn sie mich wieder auf Fotos mit Politikern sehen. Aber: Ich werde diese Arbeit für Afrika für den Rest meines Lebens machen. Tausende afrikanischer Kinder sterben wegen Moskitobissen an Malaria, weil sie kein Geld haben, sich wirksam zu schützen - das können wir verhindern. Wir können auch verhindern, dass die Menschen an Polio sterben, sich mit HIV infizieren oder durch verschmutztes Wasser sterben. Es wird eine Generation brauchen, aber wir werden dranbleiben. Ich werde mir aber eine Auszeit nehmen müssen. Ich habe noch nie ein stärkeres Bedürfnis als jetzt gehabt, Musik zu machen.

STANDARD: Wie schalten Sie um, wenn Sie vom G-8-Gipfel zum nächsten Konzert jetten?

Vox: Das Konzert ist wie eine Befreiung. Es ist so, als wenn du tagsüber einen normalen Job hast oder zur Schule gehst und dich darauf freust, abends mit deiner Band zu proben. Das ist wie eine Flucht. Die Vernetzung von Pop und Politik zeigt mir, dass man die Welt sehr wohl verändern kann. Diese Einstellung habe ich mir von Bob Dylan, John Lennon, Bob Marley, Marvin Gaye abgeschaut.

STANDARD: Die hatten eine weniger pragmatische Form des politischen Sendungsbewusstseins.

Vox: Stimmt. Die Politiker fürchten ja auch nicht mich oder Herbert Grönemeyer, sondern unser Publikum. Das ist eine sehr große Wählerschaft, allerdings keine, die wir kommandieren könnten.

STANDARD: Aber wenn Sie tausende Fans auffordern, eine SMS zur Unterstützung Ihrer Kampagne zu senden, tun die das.

Vox: Wir sind die Repräsentanten unseres Publikums, aber wir repräsentieren auch eine Wählerschaft zwischen 18 und 30. Und die ist sehr mächtig.

STANDARD: Welche Arbeit erfüllt Sie heute eigentlich mehr - die des Fädenziehers oder die des Sängers in einer Band?

Vox: Ich finde an meinem Leben in Pop und Politik nichts Seltsames. Künstler haben schon immer eine Rolle in der Politik gespielt. Aber für mich ist das keine Frage: Musik zu machen bedeutete mir bereits in den vergangenen Jahren sehr viel mehr als früher.

STANDARD: Es ist schwer zu glauben, dass Sie Ihre Auftritte auf dem politischen Parkett lediglich als Arbeit sehen.

Vox: Leuten wie Nelson Mandela oder Bill Gates auf Augenhöhe zu begegnen, ist eine unglaublich aufregende Angelegenheit. Es macht mir Spaß, etwas zu bewirken. Aber wir machen keine Musik. Ich sitze eben nicht mit ihnen in einem Aufnahmeraum, wo allmählich ein Song entsteht. (DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.07.2005)



Dossier Afrika nach "Live 8"
Die Mega-Konzerte und der G8-Gipfel haben die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit kurz, aber heftig auf Afrika gerichtet. Ein differenziertes Bild vom Kontinent wurde dabei nicht transportiert.
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    Bono Vox, passionierter Gutmensch, der seine Stimme für Afrika gibt: "Ich kann es mir nicht mehr leisten zu posieren, auch wenn sich das für einen Rockstar gut macht. Ich habe eine Agenda, ein Ziel, das ich erreichen will. Der Unterschied zu früher: Ich spreche dabei nicht für mich, sondern für die Ärmsten der Armen. Das hat mir Manieren beigebracht!"

    Am 25. Juli performte der U2-Sänger als einer von unzähligen Superstars im Rahmen von Live 8 im Londoner Hyde Park, um durch diesen Mega-Event die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Afrika zu lenken.

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