Urlaub verboten

8. Mai 2006, 14:02
24 Postings

"Zwar im Urlaub, aber erreichbar" ist eine übliche Floskel im Berufsleben geworden

"Zwar im Urlaub, aber erreichbar" ist eine übliche Floskel im Berufsleben geworden. Die technischen Assistenzen ermöglichen ja auch, Macht über örtliche Distanz hinaus zu demonstrieren. Die Zeitzone privat auf mehr als ein paar Tage zu verlassen wird im Management unmöglich. Gern gesehen wird es nicht, aber bitte: Spontane Kurzurlaube (etwa überFenstertage) können vertreten werden.

Abseits der Statistik, wonach jeder Österreicher seine 25 gesetzlichen Urlaubstage ausschöpft, herrschen schon ganz andere Urlaubsregeln im Klub. Wer am Feiertag nicht wenigstens ("dressed down") Hallo sagen kommt, wird wohl auch bald nicht mehr dazugehören. Und: Wer auf Kur geht, ist überhaupt nahe der beruflichen Endstation. Der will offenbar eh nicht mehr. Oder? Apropos: Krankenstand ist sowieso nicht mehr konform. Wohl ein Zeichen vonSchwäche und Arbeitsverweigerung, mit Fieber nicht ins Büro zu gehen? Zwar steigen die psychischen Krankheiten stark an, die Krankenstandtage reduzieren sich aber deutlich.

Unter "tüchtig arbeiten" fallen diese Gebräuche nicht. Genauso wenig wie die Medaillenträger, die sich mit täglich 16-stündiger Anwesenheit auf ihrem Bürosessel produzieren. Kaum einer gibt es zu, aber der Zwang besteht: nur nicht loslassen.Angst vor Job- und Existenzverlust, Konkurrenzdruck und unberechenbare Arbeitsfelderzwingen zum Dranbleiben.

Positiv wird das Ergebnis dieser Entwicklung nicht ausfallen können. Überforderte, grantige Chefs, die nicht urlauben dürfen, produzieren unzufriedene Mitarbeiter mit Gewissensbissen im Urlaub. Zwar sind alle immer da und immer verfügbar, was sie letztlich zusammenbringen, ist aber bestimmt nicht das bestmögliche Ergebnis. (Der Standard, Printausgabe 30./31.7.2005)
  • Artikelbild
Share if you care.