Der Wurm, der dem Fisch schmecken soll

9. Dezember 2005, 10:33
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ATP-Boss Horst Klosterkemper stattete Kitzbühel einen Besuch ab, hörte sich die Sorgen an und dachte laut über den Sport nach

Kitzbühel - Es war, ist und bleibt hier ein Tummelplatz. Nicht nur der Eitelkeiten, aber schon auch, Kitzbühel hat sich jedenfalls den Ruf, ein bisschen abgehoben zu sein, hart erarbeitet. Es käme auch ohne so Nebensächlichkeiten wie ein mit einer Million Dollar dotiertes Tennisturnier aus. Wobei im Winter der liebe Gott doch ein wenig Schnee liefern sollte, zumindest die Grundlage, den Rest richten die Kanonen. Im Sommer wiederum hat der Tourismusverband überhaupt nichts gegen die Generali Open einzuwenden, sie füllen die Hotelbetten und die Sektflöten.

Das Turnier selbst ist ziemlich ausgebucht, die Tribünen bleiben trotzdem halbleer, die Profis schwitzen drunten relativ ungestört. Feliciano Lopez, Mariano Zabaleta und Nicolas Lapentti erreichten das Viertelfinale, Jürgen Melzer (gegen Fernando Verdasco) und Stefan Koubek (Nicolas Massu) waren nach Blattschluss dran.

Der Angler

Horst Klosterkemper musste sich berufs- und hitzebedingt (51 Grad in der Sonne) eher im VIP-Zelt aufhalten. Der Deutsche ist einer der Präsidenten der ATP und als bezahlter Managing-Director zuständig für das Gedeihen der 33 europäischen Veranstaltungen (Kitzbühel plus Rest). Ihm geht es ums Grundsätzliche, er sieht seinen Sport nicht in der Krise, gesteht aber Probleme ein. In Deutschland oder in Österreich, "wo man den Schatten der Legenden nicht los wird." Er nannte Boris Becker und Steffi Graf, beziehungsweise Thomas Muster. "In Spanien, Frankreich und Schweden akzeptieren sie die Gegenwart, deshalb stimmen dort auch die Quoten."

Klosterkemper glaubt, "dass wir mehr mit dem Verbraucher reden müssen. Der Wurm an der Angel soll dem Fisch schmecken, nicht dem Angler." Die ATP-Turniere seien "das Schaufenster des Sports. Die Grand Slams sind Selbstläufer, da zählt das Ereignis, nicht die Besetzung." Man müsse über Regeländerungen nachdenken ("ohne die Identität zu verlieren"), etwa Wege finden, um die Matches kürzer zu gestalten. "Die Fernsehsituation ist unbefriedigend, wir passen in kein Schema."

Kitzbühels Situation ist Klosterkemper auch nicht entgangen. Da macht man eine Million Dollar Preisgeld flüssig, und genau ein Spieler aus den Top Ten erscheint, der in der ersten Runde gescheiterte Nikolaj Dawidenko (wäre auch als Sieger kein Straßenfeger). Die Damenorganisation WTA garantiert etwa dem Turnier in Linz (585.000 Dollar) die Teilnahme von drei aus den Top 10. Klosterkemper: "Die Spieler sind ihre eigenen Unternehmer, man kann sie nicht zwingen. Ich bin gegen das Zahlen von Startgeldern. Obwohl ich weiß, dass wir keine Waffen haben, um das zu verhindern." Natürlich könne Kitzbühel beantragen, in eine tiefer Kategorie zu wechseln. "Ob es sinnvoll ist, weiß ich nicht. Wer macht sich schon gerne kleiner?"

Heute wird jedenfalls groß gefeiert. "60 Years Tennis and More". Die ehemaligen Sieger, also die Legenden, werden geehrt. Thomas Muster reist per Hubschrauber aus Graz an. Rainhard Fendrich singt live, die Vergangenheit wird endlich (leider?) zur Gegenwart. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 29.07.2005)

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