Figurenvermehrung und Stimmenlotto

28. Juli 2005, 20:45
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"Der fliegende Holländer" und "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen

Wer sich durch sein Kartengesuch an der Tour de France unter den Festivals beteiligt und durchgehalten hat, weiß, dass ihm nun am Grünen Hügel die Königsetappe bevorsteht: Er dampft schon am frühen Nachmittag Smoking tragend in der Sonne. Und trägt er am Boden schleifende Gewänder, erträgt er stoisch, wenn jemand absichtslos draufsteigt. Im Wissen, dass ein elastisches Robenmaterial eine Spontanentkleidung schon verhindern wird.

Bei der harten Sitzgelegenheit angelangt, droht ihm jedoch, so er an die 1,90 groß und wohlgenährt ist, der Kampf mit der Enge. Der Platz wird ihm zur opernlangen Zumutung - wie er selbst für den bedrängten Sitznachbarn. Der Schweiß fließt dann schon in Strömen, bevor der erste Ton erklang; doch staut sich Aggression auf, wird sie für den Regisseur aufgehoben.

Claus Guth etwa muss auch in seinem zweiten Hügel-Jahr das kathartische Buh-Ritual ertragen. Es ist dies allerdings auch ein Zeichen für die Bayreuther Lebendigkeit. Hat doch Wolfgang Wagner - ob aus Überzeugung oder aus taktischen Gründen - mit dem Engagement von Wagner-Neuligen wie Marthaler, Schlingensief und Guth alle Erstarrungsvorwürfe zum staunenden Schweigen gebracht.

Auch der obligate Jubel für die Sänger vermag allerdings nicht darüber hinwegzutäuschen, dass dem szenisch ambitionierten Vorhaben ein musikalisches Fundament zuteil wird, auf dem sich - was Qualität anbelangt - eine Art Opernlotterie abspielt. Wenn man etwa Guths Fliegenden Holländer Revue passieren lässt, scheint bestenfalls Jaakko Ryhänen (als Daland) über eine festspielwürdige Mischung aus sicherer Dramatik, Wortdeutlichkeit und einnehmendem Timbre zu verfügen.

Um ihn herum Solides bis Desaströses: Jukka Rasilainen (als Holländer) schwächelt, Endrik Wottrich, der sich aus Schlingensiefs Parsifal zurückzog, wirkt klangschön, neigt aber zum "Knödeln". Und das hochdramatische Durchwursteln von Adrienne Dugger (als Senta) bescherte an wesentlichen Stellen durch bemitleidenswerte vokale Einbrüche einen Tiefpunkt, der auch nach Stadttheaterkriterien ein solcher wäre.

Immerhin: Aus dem Orchestergraben zaubert Marc Albrecht vom ersten Ton an spannungsgeladene Klangwelten, sorgt für jene Konzentration, die bei aller Impulsivität auch dem Innigen zum Durchbruch verhilft. Das verschmilzt delikat mit Guths tiefenpsychologischer Verspieltheit, die um einen zum quälenden Wahn gewachsenen Vaterkomplex Sentas kreist.

Kindliches Trauma

Im Saloneinheitsbühnenbild kommt es zur Figurenvermehrung. Sentas Vater und Holländer benehmen sich ident; ein kleines Mädchen weist auf irgendein kindliches Trauma Sentas hin. Und bleibt manches enigmatisch, so ist es immerhin von interessanter Subjektivität.

Da deckt Keith Warners Lohengrin schon eher den Bedarf an Heldischem. Als hätte er bei Filmregisseur Ridley Scott gelernt, lässt er reichlich Ritterrüstungen aufmarschieren und auch sonst viel Steh- und Schreitoper zelebrieren. Dennoch: Perfektes Handwerk und eine elegante Fusion von Szene, Atmosphäre und Bühnenbild (Stefanos Lazaridis) weisen hohe Qualität auf.

Im vokalen Bereich soll man Peter Seiffert (Lohengrin) loben, alles andere - inklusive seiner Gattin Petra-Maria Schnitzer (als Elsa) - ist Mittelmaß. Bis auf den grandiosen Chor und den makellos organisierenden Dirigenten Peter Schneider.

Vergangenheit und Zukunft überlagern einander in Bayreuth auch außerhalb der Bühne. Demnächst beginnen die Proben für den Ring (Regie 2006: Tankred Dorst). Und Tannhäuser-Regisseur Philippe Arlaud will in Bayreuth in den nächsten Jahren mit jungen Leuten eine "Musiktheaterfactory" aufbauen, die zum Off-Festival wachsen soll. Was der Hügel-Herr darüber denkt, war bis zum Redaktionsschuss noch nicht klar.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.7.2005)

Ljubisa Tosic aus Bayreuth
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