Freundliche Fiktionauten

28. Juli 2005, 20:44
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Jan Lauwers' Needcompany bei ImPulsTanz

Wien - Äußerlich steht ein Theater gewöhnlich still, sein Inneres jedoch kann durch das Universum der Kultur fliegen. Will also jemand wissen, wie es ist, von einem Ufo entführt zu werden - es kostet nur eine Eintrittskarte. Echte Aliens treten als lebendige Unsersgleichen vor ein Publikum spielende Freiwillige und nehmen sie mit auf ihre Reise. Die kann zu einem Horrortrip werden, aber auch zur Entdeckungsfahrt in so noch nicht gesehene Galaxien.

Eine Bestätigung dieser Vorstellung boten jetzt Jan Lauwers und seine Needcompany mit ihrem Hit Isabella's Room bei ImPulsTanz im Akademietheater. Als ein Stück Populärkunst betrachtet, funktioniert Isabella's Room wunderbar. Es fällt definitiv leicht, sich hier zu Hause zu fühlen.

In ihrer liebevoll hergestellten Mischung aus Drama, Choreografie und Musik, Text, Tanz und Gesang ähnelt die Arbeit einem Musical. Die belgischen Fiktionauten sind eine freundliche Crew. Lauwers selbst führt anfangs in die Erzählung ein, stellt die Akteure und ihre Rollen vor: Viviane De Muynck als uralte Isabella, die Tänzerinnen Tijen Lawton und Louise Peterhoff als ihre rechte und linke Gehirnhälfte, einen Wüstenprinzen, ein Paar Stiefeltern und diverse Lover.

Die Reise durch die Jahre der rüstigen Dame erweist sich als Expedition durch das Konzept der Biografie an sich. Lauwers erörtert, wie sich ein Leben ausschließlich aus Fiktionen gestaltet. Was wir als "wahr" annehmen, gibt Lauwers zu bedenken, ist Ergebnis unserer Einbildungen, die ein Wirklichkeitsgefühl in uns erzeugen. Isabella lebt umgeben von den Figuren ihrer Vergangenheit, und die toten sind so präsent wie die lebenden.

Spiel mit Fiktionen

Zur subjektiven kommt die kulturelle Fiktion. Isabella altert inmitten einer umfangreichen Sammlung exotischer Pretiosen und Kuriositäten. Sie wird als Anthropologin vorgestellt, die mit jener afrikanischen Kultur, deren Artefakte sie umgeben, nichts zu tun hat. Die Sammlung ist bloß Teil ihrer Träume. Isabella sieht nur sich selbst und erblindet dabei.

Dieses hybride Überschneidungsfeld zweier Kulturen, die nur die Geschichte von Kolonialismus und Missverständnis gemeinsam haben, enthält Zündstoff, besonders in unserer politischen Gegenwart. Denn Isabella ist wie Europa. Sie denkt, Schmerz sei bloß Zeitverschwendung, und sagt: "Ich werde tausend Jahre alt, weil ich keine Geheimnisse habe." Viviane De Muynck zeigt sich als Weltklasseschauspielerin und Louise Peterhoff in der Rolle ihrer "Gehirnhälfte" Schwester Joy als überzeugende junge Tänzerin und Sängerin. Der begeisterte Applaus des Publikums nach emotional anrührender Landung signalisierte deutliche Lust, sich von einer Needcompany in solcher Hochform wieder entführen zu lassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.7.2005)

Von Helmut Ploebst
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