Bob Mould: "Dafür bin ich nicht blöd genug"

29. Juli 2005, 13:29
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Der Ex-Hüsker-Dü im Gespräch über Rock-Reunions, Elektronik, Altersmilde und sein Album "Body Of Song"

Einer der Gründerväter des Alternative Rock kehrt mit dem Album "Body Of Song" zurück. Bob Mould, Ex-Hüsker-Dü, im Gespräch über Reunions, Elektronik und Altersmilde.

Wien – Auf die sehr theoretische Frage, ob er eine Idee habe, wie viele Bands sich wegen Hüsker Dü formiert hätten, übt sich Bob Mould in Bescheidenheit: "Oh, well, ich weiß von ein paar Bands, die das behaupten. Das schmeichelt natürlich, aber so etwas war nie unser Anliegen. Wir waren gerade Mitte zwanzig und hatten genug mit uns selbst zu tun."

Zwei jener Bands, die immer betont haben, dass das US-Trio Hüsker Dü als maßgeblicher Geburtshelfer für sie fungiert hatte, waren Nirvana und die Pixies. Bob Mould stand Hüsker Dü als Gitarrist und Sänger vor, kongenial unterstützt von dem eben- falls singenden Schlagzeuger Grant Hart und Bassmann Greg Norton.

Gegründet 1979, gelten Hüsker Dü mit wenigen anderen Bands als die Wegbereiter für Grunge und Alternative Rock. Während ihres kurzen Bestehens revolutionierten sie den aus dem Punk kommenden Hardcore, indem sie ihn an die Melodien des Pop anschlossen und so gleichermaßen hochenergetische wie melodiöse Alben produzierten. Werke wie Zen Arcade, New Day Rising, Flip Your Wig oder Candy Apple Grey zählen zu den wichtigsten Rockalben der 80er-Jahre, sie sind Klassiker der Moderne.

Den immer wieder aufkeimenden Reunion-Wünschen und -Gerüchten der 1987 aufgelösten Formation erteilt der heute 44-Jährige im STANDARD-Interview die erwartete Absage: "Man hat uns tatsächlich Unsummen geboten, aber ich bin heute ein anderer Mensch als damals. Nach all dem bösen Blut und den Enttäuschungen nach dem Ende überwiegen heute die positiven Erinnerungen an die Zeit mit Hüsker Dü. Das soll so bleiben. Es war hart genug. Außerdem möchte ich nicht als Oldie-Act herumtingeln", sagt Mould und legt grinsend nach: "Ich könnte gar nicht mehr so schnell spielen und so laut schreien wie damals."

Statt sich also alte Verdienste neu bezahlen zu lassen, wie es Zeitgenossen wie Dinosaur Jr., Gang Of Four, Mission Of Burma oder die Pixies tun, hat Bob Mould ein neues Album veröffentlicht: Body Of Song - ein mächtiges Rockalbum und sein bestes seit zehn Jahren.

Stilistisch knüpft er damit an jene Werke an, die er in den 90ern mit seiner Band Sugar und unter seinem Namen veröffentlichte: darunter Top-Ten-Alben. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wandte sich der heute in Washington, DC, lebende Musiker der Elektronik zu und verstörte mit Alben wie Modulate und unter dem Synonym Loudbomb alte Fans – ohne einen neuen zu gewinnen.

Mould lacht: "Ja, das Feedback und die Verkaufszahlen hätten deutlicher nicht ausfallen können. Aber für mich war es ein notwendiger Entwicklungsschritt. Ich wollte damals ja nie wieder ein Rockalbum aufnehmen. Nun ist es zwar anders gekommen, aber ohne meine Auseinandersetzung mit elektronischer Musik würde mein neues Album anders klingen – weniger modern, wenn man das selber behaupten darf."

In Washington betreibt er mit Produzent Richard Morel, der mit Remixen für Depeche Mode, New Order oder die Pet Shop Boys Chartserfolge verbucht, den Club Blowoff. Wie kann man sich die Gitarren-Hardcore-Gottheit Bob Mould denn als DJ vorstellen? "Blowoff ist ein Schwulenclub, bei dem wir von Gitarrenrock bis House alles auflegen. Er ist ein gutes Testgebiet für Remixe – etwa meinen für die Band Interpol."

Disco und Power-Pop

Der Einfluss der Clubmusik befruchtet Body Of Song in vielfacher Hinsicht: Das Stück (Shine Your) Light Love Hope überrascht mit einem Disco-Beat und einer technoid modifizierten Gesangsspur zu Moulds druckvollem Gitarrenspiel. Songs wie das fantastische I Am Vision, I Am Sound oder Underneath Days sind brillanter Power-Pop mit Mehrwert, der sich über Moulds zwingendes Spiel und seinen Ideenreichtum definiert. Always Tomorrow besticht mit einem treibenden Groove, während sich mit High Fidelity auch eine typische Mould-Ballade auf dem Album befindet. Woher kommt diese Vielfalt?

Mould: "Ich habe viel experimentiert: mit Dance-Beats, mit Dub, einfach jede Menge Sounds generiert und dann geschaut, ob ich mit der Gitarre etwas einbringen kann. Meistens blieb es beim Versuch, manchmal entstand ein Song daraus."

Neu erscheint auch der lebensfrohe Grundton des Albums. Zumal Mould den Ruf eines zornigen Pessimisten genießt. Ein Charakterzug, der wesentlich die Wucht und das Aggressionspotenzial seiner früheren Bands bestimmte. Ist er altersmilde? Mould grinst: "Ich kann immer noch sehr strikt sein, und es läuft genug schief in der Welt, um einem die Laune zu verderben. Aber es stimmt, ich bin heute großzügiger mir selbst gegenüber – das wirkt sich natürlich auf meine Musik aus."

In der Band, die Mould für eine Welttournee im Herbst zusammengestellt hat, finden sich neben DJ-Partner Richard Morel auch der Fugazi-Drummer Canty Brendan. Mould wird neben neuem Material auch Sugar- und – erstmals wieder – Hüsker-Dü-Songs spielen. Mould: "Irgendwann sagte ich mir, verdammt, es sind meine Songs, also spiele ich sie auch."

Oberste Priorität

Warum wurde Body Of Song bei einem Independent-Label veröffentlicht? Mould: "Yep Roc fragte vor zwei Jahren bei mir an. Bloß hatte ich damals kein Album. Nun war es so weit. Body Of Song genießt dort oberste Priorität. Undenkbar bei einem Major. Der würde eine Single auskoppeln, und wenn diese nicht abhebt, würden sie mich fallen lassen und sich mit derselben Leidenschaft dem nächsten Thema zuwenden. Dafür bin ich nicht blöd genug."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.7.2005)

Von Karl Fluch

Bob Mould: Body Of Song (Yep Roc) ist ab sofort im Österreich-Vertrieb von Hoanzl erhältlich

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    foto: hoanzl

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