"Ganz Innsbruck" bezieht Sozialhilfe

31. Juli 2005, 19:37
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Österreichweit bereits mehr als 100.000 Sozialhilfeempfänger

Wien - Alarmierende Daten zur Armut in Österreich präsentierte am Donnerstag Martin Schenk, Sozialexperte der Armutskonferenz. Seit dem Jahr 2000 sei die Zahl der Sozialhilfebezieher um über 40 Prozent auf 100.000 gestiegen - fast so viele Menschen, wie in der Landeshauptstadt Innsbruck leben.

Ein Drittel der Sozialhilfeempfänger seien Kinder und Jugendliche. Deren Existenz sei von der Armut besonders bedroht: Sehr einkommensschwache Haushalte müssten den Großteil des verfügbaren Geldes in Nahrung und Wohnen investieren. Für Bildung, Mobilität und Kultur bleibe kaum etwas übrig. "Sie können sich vorstellen, was das für die Zukunftschancen dieser jungen Menschen bedeutet", unterstreicht Schenk die Größe des Problems.

Wichtigster Grund für die rapide Zunahme der Zahl jener, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, sei die Lage am Arbeitsmarkt: Erstens gebe es immer mehr "Working Poor", also Menschen, die trotz Arbeit wegen des geringen Lohns in Armut leben. Zweitens seien immer mehr Menschen arbeitslos, und das ans frühere Einkommen gekoppelte, oft zu niedrige Arbeitslosengeld müsse durch die Sozialhilfe aufgestockt werden. Einen weiteren Beitrag zur Misere leisteten sinkende Löhne und Pensionen sowie Teuerungen im Bereich Wohnen und Energie.

Als Mittel zur Armutsbekämpfung sei das Instrument der Sozialhilfe aber ohnehin weit gehend unbrauchbar, meint Schenk: Empfangene Gelder müssten, wenn der Betroffene wieder ein Arbeitseinkommen bezieht, zurückgezahlt werden. Dann schnappe die Armutsfalle erneut zu. Ist man in Not, müsse man am Sozialamt quasi öffentlich um Geld bitten. Weiters müsse man dann beweisen, wirklich ganz unten zu sein. Als Autobesitzer gelte man schon als zu gut situiert, "obwohl das Auto die meisten ja bräuchten, um einer Arbeit nachgehen zu können", schildert Schenk die Situation.

Den Weg aus der Krise sieht die Armutskonferenz unter anderem in einer existenzsichernden materiellen Mindestsicherung sowie in einer verbesserten Arbeitsmarktpolitik. (hsa/DER STANDARD, Printausgabe, 29.07.2005)

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