Traurige Schönheit

28. Juli 2005, 19:51
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Die Pop-Melancholiker St. Etienne beschreiben auf "Tales From Turnpike House" den Alltag der britischen Vorstädte

Zu einer Zeit, als in den frühen 90er-Jahren gerade Bands wie Nirvana mit verdreckten Instrumenten und ebensolchen Sounds heftig daran arbeiteten, dem "Punk" reichlich verspätet, aber doch noch zum kommerziellen Durchbruch im Mainstream zu verhelfen (1991 - The Year That Punk Broke), tauchte mit der endgültigen Ausformung des britischen Trios St. Etienne ein Ensemble auf, das mit seinen melancholischen Disco-, Pop- und Easy Listening-Reflexionen das genaue Gegenteil von männlich kodierter Aggression und Alphatier-Gitarrenbearbeitung darstellte. Die Debütsingle Nothing Can Stop Us legte damals schon das weitgehend bis heute bestehende Koordinatensystem fest, in dem sich St. Etienne um Sängerin Sarah Cracknell bewegen. Neben den oben beschriebenen Zutaten zeichnet die Band bis heute nicht nur eine unglaubliche Leichtigkeit aus, wenn es darum geht, hochkomplex angelegte Popsongs geradezu lächerlich einfach erscheinen und klingen zu lassen - und schließlich auch: den Dancefloor damit zu bedienen. Immerhin stellen Songs von St. Etienne bis heute eine gerade in Großbritannien immer noch gern verwendete Blaupause für etliche NachfolgerInnen dar, wenn es darum geht, nachdenklich zu tanzen.

Nach einer Zeit der Experimente und Kollaborationen mit deutschen Neutönern wie To Rococo Rot oder Sean O'Hagan von den britischen Brian-Wilson-Verehrern High Llamas wurde nun nach dem Vorgängeralbum Finisterre aus 2002 nichts weniger als ein erwachsenes Konzeptalbum veröffentlicht. Dieses umkreist im Sinne einer Rahmennovelle mit zwölf Songs einen Tag, beziehungsweise Vormittag in den Behausungen eines britischen Wohnturms in der Vorstadt: Tales From Turnpike House. Wir haben es hier nicht nur dank Cracknells näselnder Sacharin-Stimme mit wunderbar melancholischen bis zart-bitteren Beobachtungen des britischen Alltags in der Vorstadt zu tun: "You call this life?!", heißt es im Duett Relocate mit dem britischen Glam-Pop-Veteranen David Essex, der der Welt einst in den Seventies großartige Hits wie Rock On schenkte und heute mit Cracknell darüber nachdenkt, aufs Land zu ziehen.

Nach Bossa Nova-Anklängen, immer wieder glückseligen und wehmütigen Harmoniegesängen im Zeichen der Beach Boys und fetten 70er-Jahre-Discobeats münden die Tales From Turnpike House schließlich in einen Teenage Winter. Der pathetische Höhepunkt des Albums, musikalisch eine definitiv nicht ganz unabsichtliche Anlehnung an den Märchenpop von Donovans alter Hippie-Eloge Atlantis, handelt nicht nur von der allumfassenden Traurigkeit im Leben britischer Teenager, das vollgestellt ist mit Shoppen in Caritas-Geschäften, ruinierten Trinkervätern oder resignierten Müttern zu Hause, "die nie mehr im Leben eine Platte der BeeGees kaufen werden". Im Zweifel wird hier trotz emotionsloser Sozialdokumentation immer noch mit Streicherensemble das große Gefühl aufgezogen. Wie heißt es programmatisch im Titelsong von Finisterre aus 2002: "I'm so bored with the myth of common sense. I believe in Donovan over Dylan, love over cynicism." Das Leben geht weiter.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.7.2005)

Von
Christian Schachinger
  • St. Etienne  Tales From Turnpike House (Sony/BMG)
    grafik: sony/bmg

    St. Etienne
    Tales From Turnpike House
    (Sony/BMG)

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