Krückenhafte Kitschkomponente

27. Juli 2005, 17:25
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Die viel gerühmte kanadische Choreografin Marie Chouinard, in Wien mit "bODY_rEMIX" zu Gast, kann nicht zaubern

Wien – Die viel gerühmte kanadische Choreografin Marie Chouinard, die mit ihrem neuen Werk bODY_rEMIX/ gOLDBERG vARIATIONS bei ImPulsTanz die Burgtheaterbühne bespielte, ist eine kokette Verführerin. Sie bemächtigt sich der Musik Bachs und des Themas Behinderung und zaubert ordentlich Diskurs herbei.

Anfangs funktioniert der Trick beinahe: Das Publikum wird eingeladen, sich vorzustellen, dass es so etwas wie einen perfekten Körper nicht gibt und dass unser Bodystyle-Wahn genauso lächerlich ist wie alle selbstmitleidigen Anwandlungen des Bedauerns angesichts der Erscheinung von Menschen mit Behinderungen. Doch auf so ausgetretenen Wegen ist es gefährlich zu wandeln.

Verzerrter Kommentar

Die Musik wird aufreizend verzerrt, eine kommentierende Stimme ebenso. Chouinard führt die Krücke als Fetisch vor, der mit dem Fetisch des schönen Tänzerkörpers zur Karikatur unseres Stereotyp-geilen Blicks verschmilzt.

Die Choreografin verhehlt im weiteren Verlauf des Stückes nicht, dass ihr diese Idee über die Maßen gefällt, also reiht sie schier endlos Bild an Bild. Sie spielt mit der vorauszusetzenden Aufgeklärtheit ihres Publikums. Denn das lässt sich heute nicht mehr so leicht provozieren, und es steht mit schöner Selbstverständlichkeit über der puritanischen Dünnlippigkeit der alten wie auch der neueren Political Correctness.

Sehr bald aber entfaltet der ganze Zauber bloß noch ein faules Odeur. Abermals erliegt Chouinard der Verliebtheit in die eigenen Mittel – ein betrübliches Bild der Selbstüberschätzung. Die manierierte Karikatur beginnt, sich gegen sich selbst zu wenden. Dadurch verstärkt sich lediglich, was sie im Grunde doch zu konterkarieren vorgibt. Der kritische Anstrich blättert im Wind der Wiederholung von Abwandlungen selbstähnlicher Motive ab wie billige Farbe. Die neckisch gemeinte Magie verödet zur simplen Taschenspielerei, die den angerissenen Körperdiskurs desavouiert.

Bedauerlich, dieser bODY rEMIX. Wieder einmal zu oft ist die Kitschkomponente Chouinard mit einer geballten Ladung Bigotterie in Wien zu Gast gewesen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.7.2005)

Von Helmut Ploebst
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    foto: impulstanz
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