Die Last der Lust auf Wollust

27. Juli 2005, 21:09
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Franz Schrekers "Die Gezeichneten" unter Kent Nagano, eine eindrucksvolle Eröffnung der Opernserie

Die Opernserie der diesjährigen Salzburger Festspiele wurde mit Franz Schrekers "Die Gezeichneten" unter der Leitung von Kent Nagano und in der Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff in der Felsenreitschule eindrucksvoll eröffnet. Das Publikum dankte zurückhaltend.


Die aufregendsten Momente lieferte diese Premiere von Franz Schrekers Oper Die Gezeichneten zweifellos vor deren Beginn. Wohl hatte Dirigent Kent Nagano schon seinen Stab erhoben, als in den hinteren Reihen der Salzburger Felsenreitschule ein erregtes Trampeln und Zischen hörbar wurde, dessen beunruhigendes Crescendo dann in brüsken Rufen nach Licht seinen Höhepunkt fand. Weil man in Zeiten wie diesen mit dem Schlimmsten rechnen muss, durfte man schließlich mit Erleichterung feststellen, dass die Ursache dieser unüblichen Turbulenz offenbar in nichts anderem lag, als dass viele Festspielgäste zu spät gekommen waren.

So tadelnswert ein solches Vorkommnis auch sein mag, so unübersehbar war sein diesen Abend so zufällig wie sinnfällig kennzeichnender Symbolcharakter: Denn nicht nur ein Teil des Publikums ist zu spät gekommen, sondern auch alles, was auf der Bühne und im Orchestergraben – zugegebenermaßen szenisch und musikalisch auf imponierendem Niveau – passierte.

Auch wenn klingende Restitution gegenüber in der Nazizeit boykottierten Komponisten zum guten Ton verantwortungsbewusster Veranstalter gehört, liegen die Dinge im Fall Schreker allerdings etwas anders. Seine Musik war schon vor Beginn des Tausendjährigen Reiches passé. Schreker kam nämlich zwischen zwei Sesseln zu sitzen: Mit seinen im Detail zweifellos meisterlich, stellenweise sogar genialisch gestalteten und von Freud und Schopenhauer gleichermaßen inspirierten Versuchen, die un- und unterbewussten Vorgänge des Menschen adäquat in schwammig unruhigen und melodisch notgedrungen kurzatmigen Klang zu verwandeln, vermochte er weder die musikalischen Hedonisten um Richard Strauss und Gustav Mahler noch die Freunde der von Igor Strawinsky oder auch der Wiener Schule vertretenen neuen Strukturen hinreichend zu bedienen.

Gedoppelt wird diese verspätete und letztlich wohl vergebliche Salzburger Schreker-Hommage durch die ebenfalls unübersehbar an Sigmund Freud orientierte Thematik der "Gezeichneten".

Sie handelt nämlich auf sehr verschlungene Weise Freuds damals unumschränkt gültige These von der erotischen Motivation allen menschlichen Tuns ab. In heutiger Zeit, in der die sexuelle Inappetenz zu den häufigsten Psychostörungen zählt, wirken Schrekers triebgepeinigte Gestalten geradezu beneidenswert: Alviano, ein reicher Genueser Edelmann, sublimiert die ihm aufgrund seiner Hässlichkeit unmögliche Abreaktion seiner libidinösen Energie durch die Errichtung eines kunstvoll ausgestatteten Elysiums, in dem Bürger und Aristokraten der Stadt befreit von jeglicher Bürgermoral alles tun dürfen und sollen, was ihm versagt ist.

Sein weiblicher Gegenpart ist Carlotta, die schöne Tochter des Bürgermeisters. Weil sie herzleidend ist, sucht auch sie in der Sublimation ihr Glück und malt. Sie verliebt sich in Alviano und erleidet nach Vollendung des Bildes eine Herzattacke. Alviano weiß diesen günstigen Augenblick der Schwäche erotisch nicht zu nützen.

Ab ins Elysium!

Also geht sie ins Elysium und genießt die Liebeskünste eines routinierten adeligen Wüstlings namens Tamare bis zur Ohnmacht. Alviano, der ihr gefolgt ist, tötet den Rivalen. Dessen Todesschrei weckt Carlotta nur kurz, aber lange genug, um Alviano klar zu machen, dass sie Tamare liebt und von ihm nichts mehr wissen will. Sie stirbt. Alviano wird wahnsinnig.

Regisseur Nikolaus Lehnhoff ist es nicht hoch genug anzurechnen, dass er all das Sexgefummel, das von Schreker für den dritten Akt vorgesehen ist, ohne jede Peinlichkeit stilisierend reduziert und damit trotzdem einen hohen Grad an Intensität erzielt. Raimund Bauers aus einer monumentalen, in Stücke zerbrochenen Frauenstatue gefertigte Bühne unterstützt ihn da ebenso wie Andrea Schmidt- Futterers klar konturierte, zwischen Historie und Gegenwart changierende Kostüme.

Auch die weniger attraktiven ersten beiden Akte versieht er mit deren Verworrenheit klärenden Ablauflinien. Kent Nagano und sein von ihm in die A-Liga der Festspielszene trainiertes Deutsches Symphonie-Orchester Berlin machen die Begegnung mit diesem Werk letztlich lohnend. Das Orchester wird zum tönenden Unbewussten.

Aus kaum hörbarem rhythmuslosem Klangnirwana steigen signifikante Impulse auf, sensibel wird das Schwanken zwischen D-Dur und d-Moll hörbar, bis schließlich die Moll-Trauer obsiegt. Aus all dem erwachen die szenischen Vorgänge. In Anna Schwanewilms als optisch und musikalisch gleich attraktive Carlotta und Robert Brubaker als Alviano von geradezu magischer tenoraler Intensität haben sie ihre exemplarischen Protagonisten, aus deren ebenbürtigem Anhang Michael Volle als Tamare besonderen Eindruck vermittelt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.7.2005)

Peter Vujica aus Salzburg
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