Montblanc-Tunnelkatastrophe: Haftstrafe für Sicherheitschef

31. Juli 2005, 19:58
posten

Erst neun Minuten nach Feuerausbruch wurden Ampeln auf Rot geschaltet - Inferno hätte verhindert werden können

Bonneville - Schuldsprüche nach dem Montblanc-Tunnel-Inferno des Jahres 1999: Die Brandkatastrophe mit 39 Toten hätte nach Feststellung des Strafgerichts in Bonneville verhindert werden können. Das sagte der Vorsitzende Richter Renaud Le Breton de Vanoise am Mittwoch bei der Urteilsverkündung in der französischen Alpenstadt. Die Hauptverantwortung sprach das Gericht dem früheren Sicherheitsbeauftragten des Tunnels, Gérard Roncoli, zu. Der 62-Jährige soll deswegen sechs Monate ins Gefängnis. Insgesamt wurden zehn der zwölf wegen fahrlässiger Tötung Angeklagten und drei der vier vor Gericht stehenden Unternehmen schuldig gesprochen. Die Firmen sollen Geldstrafen von bis zu 150.000 Euro zahlen.

Lastwagenfahrer: Vier Monate Haft auf Bewährung

Der belgische Lastwagenfahrer, dessen brennendes Fahrzeug am 24. März 1999 die Brandkatastrophe unter Europas höchstem Tunnel ausgelöst hatte, erhielt vier Monate Haft auf Bewährung. In seinem Falle blieb das Gericht unter den Strafanträgen der Anklagevertreter.

Erst nach neun Minuten wurden Ampeln auf Rot geschaltet

Nachdem der Lastwagen in Brand geraten war, hatte es neun Minuten gedauert, bis die Ampeln an den Eingängen auf Rot geschaltet wurden. Dutzende fuhren noch in den Tunnel ein und erstickten in giftigen Rauchschwaden. Für Staatsanwaltschaft wie auch für die Verteidigung war eine grobe Vernachlässigung der Sicherheit durch die Tunnelbetreiber gegeben.

Brand war erst nach drei Tagen gelöscht

Der Brand konnte damals erst nach drei Tagen gelöscht werden. Bei der Verlesung des 630 Seiten umfassenden Urteils waren die meisten Angeklagten und Dutzende von Nebenklägern anwesend, die bei dem verheerenden Tunnelbrand Angehörige verloren hatten.

Tunnel renoviert

Der Autotunnel unter dem Montblanc war nach der Katastrophe für rund 350 Millionen Euro jahrelang renoviert und mit modernen Kontroll- und Entlüftungsanlagen ausgestattet worden. Als französisch-italienische Alpenverbindung wird er derzeit wieder verstärkt von schweren Lastwagen genutzt, da der üblicherweise von Fernfahrern genutzte Alpentunnel von Fréjus wegen eines Brandes gesperrt ist.

Pressestimmen zum Urteil: Zu milde Justiz

Zu den Urteilen schreibt "Le Matin" aus Lausanne:

"Die Justiz hätte strenger sein müssen, wenn sie wirklich ein Exempel hätte statuieren wollen, das heißt die Planer und Erbauer von Gebäuden, Brücken und Straßen dazu hätte "ermutigen" wollen, auf Einsparungen, insbesondere finanzieller Natur, zu verzichten, wenn dies Menschenleben gefährden könnte. Aber man muss den Richtern auch Gerechtigkeit widerfahren lassen: Erfahrungen mit dieser Art von Tragödien liegen glücklicherweise nicht viele vor. Es gab nicht genügend Brände in den verschiedenen Straßentunneln des Planeten, um Gewissheit über sämtliche Parameter der Vorbeugung von Unfällen zu erlangen."

Die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera"

"Sechs Jahre, vier Monate und drei Tage nach dem Feuer des Montblanc-Tunnels, in dem 37 Passagiere aus sieben verschiedenen Ländern, ein Feuerwehrmann und ein Mitarbeiter der Tunnelgesellschaft starben, jetzt (...) also das Urteil zu dem Blutbad. Ein hierarchisch gegliedertes Urteil, das die 210 in einer fast irrealen Stille verharrenden Zuschauer (...) erschütterte. Es erschütterte sie, weil sie hier die Bestätigung für ihren Verdacht bekamen: Wer für die Sicherheit im Tunnel verantwortlich war, war zu dieser Aufgabe nicht fähig. Wer hätte kontrollieren sollen, hat nicht kontrolliert." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Tunnel-Inferno 1999

Share if you care.