Fest spielen und die anderen fest sparen lassen

27. Juli 2005, 17:34
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Robert Menasses Kritik am Sparen - und am gleichzeitigen Prassen bei den Festspielen - hat eine heftige Debatte entfacht

1600 Sicherheitsmängel - an einer einzigen Universität, nämlich der Uni Innsbruck. Dokumentiert vom Arbeitsinspektorat im April dieses Jahres. Das Geld für die Reparatur fehlt wie andernorts für Strom oder Druckerpapier. Regenwasser von oben. Studierende am Boden des vollen Hörsaals. Einstürzende Neubauten. Baufällige Altsubstanz. Ankaufstopp in Bibliotheken. Veraltete Computer. Virtuelle Diplomarbeitsbetreuer. Warteschlagen vor Seminartüren und seit dem EuGH-Urteil über Österreichs Uni-Zugang auch vor Inskriptionsschaltern. Survival of the fastest. Der Schnellste hat den Platz. Österreichs Universitätslandschaft im Sommer 2005.

Andernorts ist die Lage besser. In Salzburg etwa. Sommer ist dort Festspielzeit. Die Zeit des großen Geldes. Mammon auf der Bühne des Jedermann, Mammon in der Gastronomie und den Boutiquen. Festspiele sind Umsatzbringer erster Klasse. 170 Millionen Euro Umwegrentabilität werden es heuer, errechnete die Wirtschaftskammer.

Das machte den Schriftsteller Robert Menasse stutzig. 170 Millionen? Die Zahl kennt man aus einem anderen Zusammenhang. Ja, Stichwort Uni-Landschaft 2005. 170 Millionen Euro brauchen die Unis spätestens 2007 auf die Hand, wenn sie mit dem Ministerium "Leistungsvereinbarungen" abschließen müssen.

Nackt in die Gruben

Menasse brachte die zwei 170er-Zahlen also bei seiner - auf Einladung von Agnes Husslein, Direktorin des Museums der Moderne Salzburg, gehaltenen und im STANDARD abgedruckten - "Gegenrede" zur diesjährigen Eröffnungsrede-losen Festspieleröffnung Montagabend auf diesen Punkt: "In der Festspielstadt Salzburg feiert sich eine gesellschaftliche Elite auf den Trümmern auch der Universitätsstadt Salzburg." Quasi "vor der geistigen Sintflut". Oder wie der Mammon zu Jedermann sagt: "Fährst in die Gruben nackt und bloß, so wie du kamst aus Mutters Schoß."

Diese Nacktheit dürfte den Rektoren vertraut sein. Sie müssen den Spagat zwischen zu geringen Finanzmitteln und zu großem Studentenansturm bewältigen und erfinden in ihrer Not immer neue Zugangsbeschränkungen. Dabei fordern die Uni-Chefs seit der Ausgliederung in die viel gepriesene "Autonomie" fast im Wochentakt mehr Geld zur Sicherung des Grundbetriebs.

Ihre Bitten blieben ungehört. Dafür sollen für eine "Elite-Uni" 80 Millionen Euro aufgetrieben werden. Woher? Weiß man nicht so genau. Dafür hat man im Bildungsministerium Menasses "politische Rede" genau gelesen. Die 170 Millionen fehlten nicht heuer, wie er sagte, sondern erst 2007, adressierte Sektionschef Sigurd Höllinger an den "Intellektuellen" Menasse, der "Fakten total ignoriert" und "Skandalisierung" wolle.

In einem Punkt war Menasse wirklich etwas ungenau. Es fehlen nicht 170 Millionen, sondern 178. Sagte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer im STANDARD-Interview. Die Zahl sei ausgeplaudert worden - durch "eine Indiskretion aus einer internen Gruppe". (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 7. 2005)

Mitarbeit: Karin Moser, Hannes S. Auer, Eli Widecki, Jutta Kroisleitner, Conrad Seidl
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    Mammon (Maximilian Brückner) im Salzburger "Jedermann"

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