Ministerrad

27. Juli 2005, 19:26
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Einen Minister beim Gesetzesbruch erwischt - ob man das nicht auch wieder gut machen könne?

Es war vor fast einem Jahr. Da hat er mir eine Karte geschrieben. Um mich zu erinnern. Aber weil ich seine Handschrift nicht erkannt habe ­ und er sich darauf verlassen hat, dass mich allein das Motiv an meine Schuld denken lassen würde, habe ich nicht begriffen. Dafür plagt mich jetzt das schlechte Gewissen umso stärker: Denn jetzt ist Josef Pröll mit seinem Fahrrad sogar am Cover des Trend gelandet – und allem Anschein nach ist es immer noch jenes Rad, mit dem ich den Minister einmal beim Gesetzesbruch ertappt habe. Oder es zumindest glaubte.

Pröll – damals noch gut zwei Dutzend Kilo schwerer als heute – war nämlich beim Rad fahren erwischt worden. Von der Apa. Auf dem Weg zum Ministerrat. Statt im dicken Dienstwagen war der Lebensminister mit dem schlanken Drahtesel angereist. Angeblich, beteuerten damals wie heute jedenfalls Menschen, die Pröll kennen, nicht aus billigem Effekthascher-Kalkül, sondern weil sogar Minister mitunter erkennen, dass ein Fahrrad mitunter praktisch sein kann. Dass das Bild vom radelnden Minister an alle Redaktionen ging, nahm sein Kabinett eben in Kauf. Geschenkt.

Häme

Wir bösen Menschen saßen dann vor dem Bild und lachten hämisch. Denn kurz zuvor war eine Novelle zur Radsicherheit in Kraft getreten – und so mancher hierzublatt hatte bereits polizeiliche Abmahnungserfahrungen gesammelt. Meist wegen fehlender Speichenrückstrahler. Aber auch am Ministerrad war davon nichts zu sehen. Das stand dann – im Sommer ist keine Pointe zu schwach - auch so in der Zeitung. Und weil zu so einer Story immer irgendein Name gehört, stand meiner da.

Im Ministerbüro, erfuhr ich später, herrschte am nächsten Tag helle Panik. Denn – und daran werde ich mich wohl nie gewöhnen ­ so banal und wurscht, dass nicht doch irgendein Senats-, Hof- oder Sonstwasrat dazu vergattert wird, ein Schiftstück aufzusetzen, kann eine öffentliche oder halböffentliche Zeile über einen Repräsentanten gar nicht sein. Und da sich die wichtigen Herren im Lebensministerium allesamt mit Fahrrädern eben so gar nicht auskennen, soll die Aufregung beträchtlich gewesen sein: Ein Minister ­ beim Gesetzesbruch betreten.

Reparatur

Auf alle Fälle, beschloss man, müsse das Corpus delicti aus der Welt geschaffen – respektive der Übelstand beseitigt – werden: Prölls Mitarbeiter riefen an und verkündeten, dass der Minister reuig sei ­ und das Fahrrad am Weg zum Mechaniker. Ob man das – bitte – vermelden könne? Wir lachten verächtlich – und verwiesen darauf, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten seien.

Mein Pech: Der Mechaniker schaute genauer hin. Und stellte fest, dass des Ministers Rad absolut der STVO entsprach. Weil die Reifen reflektierten. Das hatten wir auf dem Foto aber nicht sehen können. Nur mit Mühe konnten wir die nun ihrerseits hohnlachenden Pröllianer davon überzeugen, dass eine Richtigstellung nach allen Regeln der Zeitungskunst doch niemandem diene: Ich wurde geopfert: Ich musste versprechen, mit dem Minister einmal Radfahren zu gehen. (Und dann darüber auch zu schreiben)

Zeitschinden

Ich setzte auf Zeit: Der Minister würde vergessen. Seine Mitarbeiter auch. (Ich sowieso.) Doch Monate später kam eine Ansichtskarte aus einem Radfahrergasthaus an der Donau. Mit fast unleserlicher Schrift: „Musste gerade an Sie denken“ stand da ­ und als Unterschrift ein P. Ich verstand Bahnhof ­ bis mich der Minister (Wochen später) bei einer Pressekonferenz zur Seite nahm und fragte, ob seine Karte mich erreicht habe. Ich beschloss, das Ressort zu wechseln.

Mittlerweile dürfte Pröll an seiner Form (sowohl äußerlich wie konditionell) gearbeitet haben. Und heute lachte er vom Cover des Trend. Ich hatte – natürlich - schon wieder alles vergessen. Aber der Mann ist zäh und hartnäckig. Vielleicht warte ich noch eine Saison ­ aber wenn mir Pröll dann auf der Zieletappe der Tour de France im gelben Trikot entgegenlacht, werde ich mich wohl geschlagen geben. Und mit Josef Pröll Rad fahren gehen.

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von Thomas Rottenberg

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