Die Sonne scheint auf alle gleich

27. Juli 2005, 17:34
1 Posting

Merkwürdig matte Horváth-Übung: Barbara Freys Inszenierung von "Geschichten aus dem Wiener Wald"

Das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele wurde im Landestheater mit einer merkwürdig matten Horváth-Übung eröffnet: Regisseurin Barbara Freys Inszenierung von "Geschichten aus dem Wiener Wald" enttäuscht.


Salzburg - Frauen, sagt der kahlköpfige Blutwurstbeauftragte Havlitschek (Arnulf Schumacher) in Ödön von Horváths Volksstück Geschichten aus dem Wiener Wald, gebe es wie "Mist". Der philosophische angeleitete Gemütsrohling sitzt neben seinem Chef, dem Fleischermeister Oskar, auf einem weiß lackierten Bänkchen und hält wie zum Trost eine geschälte Knackwurst in der Hand.

Mag auch sonst allen alles in der Tiefe ihrer gemütsgepeinigten Herzen vollkommen egal sein: Die Männer sind in Horváths walzerseliger Kleinbürgeraustreibung am wurstigsten. Oskar (Thomas Loibl) ist nämlich die Verlobte Marianne davongelaufen, weil sie es zwischen den Sockenhaltern ihres Vaters und den Jiu-Jitsu-Griffen des ihr Zugemuteten nicht mehr aushielt.

Oskar, der in Barbara Freys Horváth-Verballhornung im Salzburger Landestheater einen gesichtskneifenden Italo-Riesen gibt, den die geringsten zwischenmenschlichen Zumutungen in wahre Kataklysmen der Gliederverrenkung stürzen, beißt von Havlitscheks Wurst ein Zipfelchen ab. Dazu flennt er selbstergriffen. Viel feiner abgeschmeckt kann die Lust am Untergang nicht gelebt werden.

Nach diesem zugegeben hübschen Einfall hat es sich auch schon mit Freys eidgenössischem Interesse an den geläufigen Hauptsträngen des Stücks. Ab nun, aber auch schon vorher fingert sie bloß an offenen Nervenenden herum. Sammelt Symptome, auch solche, von denen sich Horváth nicht das Geringste hätte alpträumen lassen. Wo tut es diesen bemitleidenswerten Kreaturen zwischen Josefstädter Bezirkselend und Wachauer Donauwahnsinn denn besonders weh? Wo drückt der Schuh, Herr Nachbar - was macht Ihre Daseinsangst, Frau Trafikantin?

Weiße Schachtel

Bühnenbildnerin Bettina Meyer hat in eine glänzend weiße Schachtel 84 kreisrunde Löcher bohren lassen. Durch das eine oder andere steckt der bullig-verstockte Zauberkönig (Lambert Hamel) das charaktervolle Wüstlingshaupt. Der verwitwete Spielzeugspezialhändler schrillt und girrt nach seinem Töchterchen, das in der birkenschlanken Gestalt Juliane Köhlers den Schmelz strikter Neusachlichkeit verströmt.

Ihre Marianne, die sich ausgerechnet den schwächlichen, am Platz quengelnden, die Hosentaschen einem Dauerbelastungstest unterziehenden Tunichtgut Alfred (Michael von Au) zu einer Art Seelenerziehungsprogramm auswählt, in einer Strandszene, in der ein paar lässliche Modesünden zur schnöden Figurendenunziation zusammengemischt werden, wäre in einem Büro zur Lösung dringend anstehender Frauenfragen bestens aufgehoben. Eine herb-schöne Horváth-Referentin, leidlich aufgeklärt, den schlimmsten Folgen von Hartz IV womöglich im Sprengelverband allein erziehender Mütter kommunalpolitisch wirksam entgegenarbeitend.

Weil sich in einer stockenden Flut müder Zooms und weher Ticks der ganze, gute Horváth auf Nimmerwiedersehen verkrümelt, bleibt nicht viel übrig. Horváth hat nämlich noch die schändlichsten seiner Figuren, diese die Sprachfittiche mit Gesinnungskleister böse zusammenklebenden Schandmädel und -buben - geliebt. Barbara Frey interessiert sich bloß für sie. Sie misstraut dem blassen Schimmer. Also leuchtet sie die Bühne, und damit die ganze, beispielhafte Flusslandschaft "niedriger" Gesinnung, gleichmäßig flächig aus.

Die Szene gehört ganz allein einer anämisch schönen, wie zum Parisausflug gekleideten Trafikantin: Valerie (Sunnyi Melles), die statt der Klassenlose Pornos durch das untere Guckloch reicht, trippelt sich auf hohen Anständigkeitsstöckeln durch ein angstschnappendes Chaos. Lässt vom Zauberkönig (Hamel) ihr Korsettchen beschnuppern und geht noch mit rutschenden Strümpfen als wohlkalkulierte Heilige ab. Sie tätschelt die männlichen, dämlichen Zufallsbekanntschaften wie Seerobbenbabys - und macht, vollkommen alterslos, zwischen Picknickkörben mit Unmengen von hygienischen Küchenrollen eine köstliche, präraffaelitische Erscheinung.

Da Frey die Hauptsachen des Stücks aber nicht erzählen mag, verliert auch der Wachauer Kindermord an Mariannes und Alfreds Säugling (mit Heidy Forster als erdwurzelnaher Clochard-Omama) den Schrecken. Im zentralen Bullauge wird eine Kamerablende auf- und zugeschraubt, und die Sonne scheint auf alle Wesen gleich. Es fehlt: das Licht der Erkenntnis.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.7.2005)

Von Ronald Pohl
Share if you care.