Menschenrechtsgerichtshof verurteilt Frankreich wegen Sklaverei

29. Juli 2005, 18:18
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Straßburger Gericht: Strafgesetz muss verschärft werden, um Schutz vor Zwangsarbeit und Knechtschaft zu gewährleisten

Straßburg - Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Frankreich wegen eines Falles von moderner Sklaverei verurteilt. In einem am Dienstag in Straßburg veröffentlichten Urteil fordern die Richter Paris dazu auf, das französische Strafgesetz zu verschärfen, um den Schutz vor Zwangsarbeit und Knechtschaft zu gewährleisten.

Mit dem Urteil gab der Menschenrechtsgerichtshof einer aus Togo stammenden Klägerin Recht, die mehr als vier Jahre lang rund um die Uhr unbezahlt zur Arbeit gezwungen worden war. Beide Seiten haben drei Monate Zeit, gegen den Richterspruch Rechtsmittel einzulegen.

Die Togolesin war im Jänner 1994 als 15-Jährige von einer Verwandten nach Frankreich gebracht worden, um dort zur Schule zu gehen. Stattdessen wurde sie an eine Familie vermittelt, für die sie über mehrere Jahre hinweg ohne Lohn als Haushälterin und Kindermädchen arbeiten musste. Die Papiere wurden ihr abgenommen. Die Jugendliche musste auf dem Boden schlafen und bekam nur hin und wieder sonntags Ausgang, um in die Kirche zu gehen.

Nach Meinung des Gerichts wurde die Klägerin zur Arbeit gezwungen und gegen ihren Willen festgehalten. Aus Angst vor einer Festnahme wegen illegalen Aufenthalts in Frankreich habe die damals mittellose Minderjährige Jahre lang die Polizei nicht eingeschaltet. Stattdessen habe sie darauf vertraut, dass ihre "Arbeitgeber" wie versprochen ihren Aufenthalt legalisierten.

Frankreich wurde dazu verurteilt, die Gerichtskosten in Höhe von rund 26.000 Euro zu bezahlen. Eine Entschädigung hatte die Klägerin nicht gefordert. Französische Gerichte hatten der Frau bereits Schadensersatz- und Gehaltsnachzahlungen zugesprochen. Hingegen sahen sie in den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Klägerin keinen Verstoß gegen die Menschenwürde. Das kritisierte der Menschenrechtsgerichtshof scharf. Die Familie, die die Togolesin festhielt, hätte strafrechtlich verurteilt werden müssen. (APA/dpa)

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