Der alte Mann und der Ruin

26. Juli 2005, 15:09
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"Le Salon" des belgischen Kollektivs Peeping Tom

Das Tanztheater ist als Hybrid zwischen zwei Genres eigentlich eine Kompromisslösung - und schon deshalb ein Gewinn. Keinesfalls aber ist "Tanztheater" ein Überbegriff für alles, was nicht Ballett ist.

Es fällt aus dem Rahmen eines "postdramatischen Theaters", weil es nicht das Theater weiterentwickelt, sondern eher Theaterelemente entführt und für eigene Zwecke gebraucht. Tanztheater ist eine eigene Abteilung in der zeitgenössischen Choreografie. Es speist sich aus dem Drang von Choreografen, auch im Tanz richtige Geschichten zu erzählen. Im Gegensatz zu den Usancen im Sprechtheater muss man sich hier nicht mit Ausdeutungen längst zu Tode inszenierter Klassiker befassen.

Das belgische Kollektiv Peeping Tom ist ein Beispiel für das zeitgenössische Tanztheater belgischer Provenienz (mit u. a. Wim Vandekeybus' Arbeiten oder Sidi Larbi Cherkaoui, auch dem Bilderregisseur Jan Fabre und, stärker ins Theater geneigt, Jan Lauwers).

Ein Malstrom daheim

Die Wurzeln von Peeping Tom reichen tief in Alain Platels berühmte Ballets C. de la B., deren Ästhetik während der 90er als besonders demokratisch galt, weil mit allen zur Verfügung stehenden - auch populären - Mitteln gearbeitet werden konnte, mit Akrobatik, Performance, Artistik, Schauspiel, Tanz, Musikperformance und so weiter. In dem neuen Stück von Peeping Tom wird diese Geschichte erzählt: Ein sympathischer älterer Herr verbringt den Rest seiner Lebenszeit mit Kindern und Enkeln im Salon seiner einst hoch repräsentativ gewesenen Wohnung. Der wie seine Räume verschlissene Patriarch, den seine Leidenschaft für teure Juwelen ruiniert hat, zieht die seinen mit in den Abgrund.

Eine schöne, ein bisschen traurige Story, eine zeitlose Metapher natürlich, aber vor allem eine dramaturgische Choreografie in der Gestaltung des Malstroms, der alle Beteiligten in sich saugt. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.07.2005)

von
Helmut Ploebst

"Le Salon" im Akademietheater am 12. 8., 21.00
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    deganck
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