Geheimnis einer Blinden

26. Juli 2005, 15:13
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"Isabella's Room" von Jan Lauwers

Der flämische Regisseur Jan Lauwers erzählt im neuen, international umjubelten Stück der Needcompany die Familiensaga der 90 Jahre alten, blinden Isabella. In einem museumshaften Raum mit Fundstücken aus dem kolonialisierten Schwarzafrika lässt eine Frau Leben voller Gewalt, Liebe, Erotik und Tod Revue passieren. Isabellas Zimmer birgt ein Geheimnis.

Es ist der Ort einer Lüge, die sich durch ihr Leben zieht. Sie sei die Tochter eines Wüstenprinzen, der auf einer Expedition verschwand. Das jedenfalls haben ihre Adoptiveltern Arthur und Anna ihr erzählt. Isabellas Sehnsucht nach der Wüste, nach dem Prinzen, nach Afrika ist unendlich. Doch was ist die Wahrheit?

Die Adoptiveltern können mit dem Geheimnis nicht leben und flüchten in Alkoholismus und Tod. Und Isabellas Suche nach ihrem Vater führt sie nicht nach Afrika, sondern in ein sonderbares Zimmer in Paris. Die geniale Schauspielerin Viviane De Muynck verkörpert die Figur der Isabella im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Korpulenz, ihre rauchig rockige Stimme, ihre Präsenz werden zur unmaskierten Rebellion gegen das Alter, gegen den sich ankündigenden Tod.

Buddha & Mark Anton

Zusammen mit neun singenden, tanzenden und sprechenden Darstellern macht De Muynck sich auf die Suche nach dem Geheimnis von Isabellas Geburt. Das Stück erweist sich als hochexplosives und doch sensibles Frauenporträt. Die Hauptfigur wird von Jan Lauwers als femininer "Buddhanton" bezeichnet: "Gleichzeitig friedvoller Buddha und unverletzbarer Mark Anton, römischer General, der an einem Tag seine eigene Pisse in den eiskalten Alpen trank und am nächsten Liebe mit der schönsten Frau der Welt machte und seine Aktionen niemals bereute."

Ohne Pathos oder emotionale Koketterie erzählt diese Produktion der Needcompany von Tod, Leid, Sehnsucht und Erotik. Während Jan Lauwers' frühere Erfolgsproduktionen wie Snakesong Trilogy etwa nach dem komplexen Modell von James Joyces Roman Finnegan's Wake gebaut waren, erinnert Isabella's Room in der Erzählstruktur an Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez. Wir erfahren, dass Isabella 73 Liebhaber hatte und mit 69 Jahren noch eine Romanze mit einem 16-jährigen Burschen begann.

Alltagsmythen schreiben sich in den fiktiv-realen Körper ein. Ihre Blindheit verweist nicht auf eine Behinderung oder das Alter, sondern schafft die Möglichkeit für ein "anderes" Sehen, eine "Re-Vison" der Ekstasen des 20. Jahrhunderts. Isabellas Raum wird zum einzigartigen Schauplatz, an dem sich geschichtliche Entwicklungen, Träume und Albträume wiederholen: Erster und Zweiter Weltkrieg, Hiroshima, moderne Kunst, Ziggy Stardust, erste Mondlandung, Hungersnot in Afrika und Neofaschismus im neuen Europa. Das Zimmer ist voller ethnologischer Objekte, die von Kolonialismus und Plünderungen sprechen. Sie sind Teil einer Sammlung, die Lauwers' vor drei Jahren verstorbener Vater hinterlassen hat.

Gekleidet in einen weißen Anzug, ist der Regisseur selbst am Rande des Geschehens präsent - als ausrangierter Liebhaber, betrunkener Adoptivvater, als Enkel in einem Inzestdrama. Der Song We Just Go On markiert den Beginn und das Ende dieses swingenden Melodrams. Das Leben lächelt hier dem Tod ins Angesicht und erschreckt ihn - zumindest für einen Augenblick. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.07.2005)

Von
Nicole Haitzinger

"Isabella's Room" im Akademietheater am 27.+28. 7., 21.00
  • Artikelbild
    van den abeele
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