Mit freundlichen Grüßen aus Teheran

26. Juli 2005, 15:14
posten

Uns Westlern wird vorgegaukelt, der gläserne Mensch diene unserer Sicherheit, und Helena Waldmann stellt in ihrem Stück "Letters from Tentland" eine iranische Zeltwelt auf die Bühne.

Zelte führen ein Dasein auf Zeit, sind genauso schnell auf-wie abgebaut. Sie wandern und bieten zugleich jenen Schutz, die es nicht auf Stillstand abgesehen haben. Das Stück Letters from Tentland, das in Kollaboration zwischen der deutschen Regisseurin Helena Waldmann und den iranischen Schauspielerinnen Zoreh Aghalou, Pantea Bahram, Mahshad Mokhberi, Banafsheh Nejafi, Sara Reyhani und Sima Tirandaz entstanden ist, bringt jenen Ausnahmezustand auf die Bühne, in dem iranische Frauen ihren Alltag bewältigen.

Blicke des Publikums

Den Blicken des Publikums entzogen, agieren die in Zelten verborgenen Frauen "undercover" auf der Bühne. Sie können uns sehen, aber sie bedienen nicht unser Begehren nach Exotik oder nach bemitleidenswerten Kreaturen, die ihr Dasein in Unfreiheit fristen. Das Zelt ist ihre zweite Haut, die schwingt, tanzt und durch den Raum wirbelt, als könnte sie davonfliegen. Die Schauspielerinnen mögen zwar in ihren Zelten gefangen erscheinen, aber was aus diesen hervordringt, korrespondiert nicht mit unserem Bild von unterdrückten islamischen Frauen. Vielmehr erweist sich Letters from Tentland als eine Verhandlung über eben den westlichen Blick, der auch die Position der Regisseurin Helena Waldmanns infrage stellt.

Diese Verhandlung ist ein bedeutender Teil der Entstehungsgeschichte des Stücks. Waldmann und die Schauspielerinnen konfrontierten sich während der Erarbeitung mit den jeweiligen Vorurteilen und Klischees, und dieser Prozess wird nachvollziehbar gemacht. Klischees gibt es in den Köpfen zur Genüge. Man erinnere sich nur an die europäischen Diskussionen um das Verbot von Kopftüchern.

Dass damit alle Frauen islamischen Glaubens über einen Kamm geschoren werden, scheint die Individualisten des Westens nicht weiter zu stören. Doch hier wird das Publikum mit der Freiheit unter dem Schleier konfrontiert und mit dem Leben in einem widersprüchlichen Ausnahmezustand, der die Frauen über die Jahre erfindungsreich werden ließ. Ihren Kampf führen sie geschickt und trickreich, denn es gilt die herrschenden Regeln nicht zu verletzen, sondern sie zu umgehen. Das Theater im Iran ist immer auch geprägt vom Umgang mit Zensur. Tanz an und für sich ist verboten, erlaubt ist jedoch "rhythmische Bewegung". Jedoch sind die Zensoren oftmals nicht irgendwelche Beamte des Gottesstaates, sondern ehemalige Regisseure und Schauspieler, die eine gewisse Schutzfunktion erfüllen. Die letzten Zensoren tauchten zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung in Teheran auf, wobei noch heftig über das "PS" der Briefe aus dem Zeltland diskutiert wurde: Der Abschluss des Stückes ist eine Einladung an alle Frauen im Publikum, hinter die Bühne zu kommen, um miteinander Tee zu trinken.

Begehren der Zensoren

Den männlichen Zensoren blieb der Einblick in dieses Nachwort verwehrt, trotzdem wurde das Zusammenkommen nicht verboten und so die Grenze der im Gottesstaat erlaubten künstlerischen Interventionen gedehnt. Letters from Tentland ist eine Karawane, der man auch viele weitere Stationen wünschen kann, nachdem die Konservativen die Präsidentschaftswahlen im Iran gewonnen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.07.2005)

Von
Marty Huber

"Letters from Tentland" im Akademietheater, 14. 8., 21.00
  • Artikelbild
    kümmel
Share if you care.