Nacktheit unter dem Gefrierpunkt

26. Juli 2005, 15:16
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Zwei Stücke des Kanadiers Daniel Léveillé im Akademietheater

"Ist die Haut nicht das einzig wahre Kostüm des Körpers?", fragt Daniel Léveillé und lässt seine Tänzer nackt vor das Publikum treten. Der 52-jährige Choreograf aus Montreal ist erstmals bei ImPulsTanz zu Gast, und das gleich mit zwei Stücken. Amour, Acide et Noix und The Modesty of Icebergs sind ästhetisch eng verwandt, nur ihr Charakter unterscheidet sie grundlegend. Zu Recht ist Léveillé als Purist mit minimalistischer Herangehensweise bekannt, und das nicht nur, weil er auf Kostüme verzichtet. Herausfordernd, bedrohend und zugleich selbst bedroht wenden sich die entblößten Tänzer zum Publikum, finden synchron in Zeitlupe zu einer Position, explodieren in einen abrupten Sprung, eine Hebefigur oder eine Drehung, nur um gleich wieder zu erstarren.

Dieser Vorgang wird wiederholt und variiert, als ob es sich um eine Fremdsprache handelte, deren unbekannte Worte man sich aneignen muss. Darin liegt das Verstörende der Arbeit Léveillés. Denn was ist natürlicher und fremder zugleich als der nackte Körper? Bei Léveillé ist er eine Bloßlegung, die einem überdeutlich vor Augen führt, wie überfrachtet unser Bild von ihm ist.

Auf der ebenfalls "nackten" Bühne, strukturiert durch das raffinierte Lichtdesign von Marc Parent, kämpfen vier Tänzer, drei Männer und eine Frau, in Amour, Acide et Noix um jene zwischenmenschliche Nähe, die sie zu vermissen scheinen. Gehetzt läuft ein Tänzer von einer Position zur nächsten. Angespannt, auf den Zehenspitzen stehend, den Kopf auf die Brust gesenkt, umarmt er schließlich sich selbst. Fast brutal konterkariert die Kälte der Bühne eine die Tänzer zart umspielene Vivaldi-Musik. Endgültig unter den Gefrierpunkt fällt die Temperatur in The Modesty of Icebergs. Zu Chopins Préludes op. 28 scheinen sich die sechs Tänzer in ihrer eigenen Welt zu bewegen. Alle Codes wurden beiseite gewischt, und übrig bleiben reine Form, nackte Körper und essenzieller Ausdruck. (hel/DER STANDARD, Printausgabe, 26.07.2005)

"The Modesty of Icebergs" am 4.+5. 8., "Amour, Acide et Noix" am 6. 8., beide im Akademietheater, 21.00
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