Vierhundertacht Mal Diana

26. Juli 2005, 19:50
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Zuerst haben alle gelästert. Aber danach war es wundervoll. Endlich hatten wir genügend Zeit, die Prinzessinenhefte wirklich zu lesen...

Es war am Wochenende. Im Wald. Und es war lehrreich. In jeder Hinsicht.

Es begann damit, dass wir uns zu schnell entschlossen hatten, A.s Verwandte zu besuchen. Und weil die den Sommer in einem kleinen Bauernhof mitten in einer heimatfilmesken Landschaft im niederösterreichisch-hügeligen Irgendwo zwischen Kühen, Bäumen und anderen rustikalen Landschaftsmöbeln verbringen, haben wir nix eingepackt: Leiberln und Unterhosen, die es beim Drogeriemarkt – gleich neben den Zahnbürsten – gibt, genügen.

Abgeschieden

Doch bei aller Freude über die Nichterreichbarkeit des Hauses aus dem 18. Jahrhundert durch Fernseh- und Handysignale (und mit Fahrzeugen, die keinen zuschaltbaren Allradantrieb haben) vergaßen wir, dass A.s Verwandte bis Bastei-Krimis (Jerry Cotton et al.) noch kaum bedrucktes Papier hierher verbracht haben – und als ich dann für den Wochenendeinkauf beim Adeg an der Kassa stand, dachte ich: wenn schon trivial, dann ordentlich – und nahm alle Prinzessinnenhefte mit.

Zuerst haben alle gelästert. Aber danach war es wundervoll. Endlich hatten wir genügend Zeit, die Hefte wirklich zu lesen: Keine Ordinationshilfe, die uns im abgeschlossenen Liebesroman in den Zahnarztsessel jagt. Keine Kaffeehausbekanntschaften, die uns zwangen, das Neue Blatt hinter der Süddeutschen zu verstecken. Und kein trauriges Erkennen, dass irgendwer beim "Lesezirkel" einfach (weil es eh wurscht ist) das Heft mit Roy Blacks Tod auf Recyclingtour geschickt hatte: Die Stories waren heiß.

Bohlenschelt

Und so weiß ich jetzt, dass Roy Horn in eine Grazer Klinik verbracht wurde. Dass Dieter Bohlen in den Augen aller Schlagersängerinnen unmöglich ist, weil er Estefania auch jetzt, wo sie ihm einen Sohn geschenkt hat, nicht heiratet. Dass Peter Alexander eine arme Sau ist, weil er als Zeuge vor Gericht soll – nur weil die schamlose Ex des neuen Hapschis seiner Tochter von ihrem Ex Unterhaltszahlungen für das gemeinsame Kind für jene Zeit verlangt, die er an der Seite des Alexander-Sprosses verbracht hat. Man ist sich einig: Diese Frau ist ein gieriges Luder – und gönnt Peter die Ruhe nicht, die er sich so wünscht.

Nebenbei weiß ich jetzt – und zwar aus dem Mund des Neoschwiegersohnes des Entertainers - dass es kein Problem ist, wenn eine Frau (Alexanders Tochter) mit 47 das erste Mal ans Schwangerwerden denkt. Außerdem: Heino geht im Herbst auf Abschiedstour. Seine Frau ist froh. Schließlich hat sie Angst vor einem zweiten Herzinfarkt – und wenn Heino dann nicht da wäre ...

Ach ja: Das Naabtalduo hat Probleme mit authentischen Lederhosen. Echte Trachtenbeinkleider gehen nicht. Weil sie „zwei Hosen pro Saison verbrauchen“. Zugegeben: Diese Argumentationslinie hat mich intellektuell überfordert – dafür hat mich die Erkenntnis (via grobpixelig-unscharfem Foto), dass Hale Berry links sechs Zehen hat, getröstet.

Königliches

Und dann: Prinzessinnen. Die Magazine waren sich einig: Die schwedische Prinzessin, die gerade 28 wurde, ist wunderschön – und dass sie vor Kindern (in da-brauchen-wir-gar-kein-Tele-Reichweite vor den Fotografen) niederkniet, ließ sie mir ans Herz wachsen. Erst recht, wie sie sich über eine Seifenblasenpistole freute. Einzig die Frage, ob sie oder der Hof ihren Freund nicht mitfeiern ließen, spaltet die Presse. Was sie aber eint, ist die Forderung nach ordentlichen Verhältnissen: Die Prinzessin soll sich endlich verloben. Das sehe ich auch so.

Aber in England ist dann Ende mit Eintracht. Die einen berichten, dass Charles über Camillas Kaufsucht entsetzt sei – noch dazu, wo ihr Geschmack eher – äh – schlicht wirkt. Schließlich muss Charles doch seiner Mutter (im Nebenberuf Queen) alle Kreditkartenabrechnungen seiner Frau erklären. Andere Magazine aber loben Camillas volksnah-bescheidene Art – und zeigen, wie das Volk sie liebt: Fotos lügen nicht... Andere Hefte wiederum haben – per Meinungsumfrage in Deutschland – dennoch erkannt, dass Camilla nie die Herzen der Briten erobern wird.

Diana

Denn diese Rolle – die der Königin der Herzen - ist vergeben. Auf ewig: Diana ist unsterblich. Und daran wird sich nichts ändern. Nicht, solange es irgendwo Diana-Schnappschüsse gibt: Ein Magazin hat da eine Serie laufen. „Die schönsten Bilder von Diana“. Oder so ähnlich. Derzeit hält man bei Folge 408. Folge Vierhundertacht.

Wow. Wir waren baff. Nichts war mehr wie vorher: Wir saßen im Wald, lösten Kreuzworträtsel, lasen Kochrezepte, Beziehungstipps, Horoskope und Medizinratschläge von Hademar Bankhofer. Wir erfreuten uns am Anblick von zu dünnen unter 20-jährigen Models, die Versandhausmode für ihre übergewichtigen Großmütter vorführten. Oder lachend Hormonpräparate gegen Wechselbeschwerden bewarben, aber wir waren nicht bei der Sache: Vierhundertacht Folgen Diana. Das sind über sieben Jahre und neun Monate.

Am Montag fuhr ich wieder zum Adeg. Die Tageszeitungen brachten Terror. Ich fragte die Kassiererin, wann die neue Neue Revue käme.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

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    foto: rottenberg
  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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