Fatale Antriebsfeder Angst

25. Juli 2005, 18:51
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Ist die offene Gesellschaft im Kampf gegen den Terror ihr eigener größter Feind? - von Claus Philipp

"Ich habe Gott auf meiner Seite. Ich versuche, lediglich zu überleben. Was hieße es aber, wenn das, was man zum Überleben tut, die Dinge vernichtet, die man liebt?" So Bruce Springsteen auf seinem jüngsten Album Devils and Dust über die Zweifel eines jungen US-Soldaten im Irak, der schließlich befindet: "Angst ist eine mächtige Antriebsfeder, sie verfinstert dein Herz."

Wenn man dieser Tage Sätze lesen muss wie "Das Prinzip Kopfschuss ist richtig, trotz der tragischen Möglichkeit, dass man sich irrt" (News of the World) oder "U-Bahn-Passagiere mit Taschen sollte man in Hinkunft einem Sicherheitscheck unterziehen" (eines von vielen Postings an BBC News) - dann ist unschwer nachzuvollziehen, dass diese "Verfinsterung des Herzens" längst nicht mehr allein Sache von Militärs ist.

Schleichend hat sie mittlerweile auch die zivilen Bereiche einer (vormals?) "offenen Gesellschaft" infiziert, in der das an und für sich verständliche Bedürfnis nach Sicherheit drastische Überwachungs-und Schutzmaßnahmen erforderlich erscheinen lassen. Maßnahmen, die noch vor wenigen Jahren auf heftigste Ablehnung gestoßen wären.

Es kann nun nicht allein Sache von Künstlern und Intellektuellen sein, diese Entwicklung mehr oder weniger lyrisch oder drastisch (siehe Steven Spielbergs Krieg der Welten) zu beklagen oder zu kommentieren. Gefordert sind in diesen finsteren Tagen auch bedachtere Maßnahmen von Politikern, die - so der Soziologe Ulrich Beck - dabei sind, "die Grundlagen der Freiheit und der offenen Gesellschaft abzubauen", um vermeintlich ebenjene offene Gesellschaft mit allen erdenklichen Mitteln zu schützen. Wobei auch hier das Sprichwort vom Zweck, der die Mittel heilige, zutiefst fragwürdig erscheint. Die Aufrüstung, die die westliche Zivilgesellschaft soeben über sich ergehen lässt, sie arbeitet ja im Sinne der Verunsicherungsstrategien der Terrornetzwerke.

Wenn es also heute im Gefolge einer "Politik der Angst" (Beck) für weite Kreise der Öffentlichkeit selbstverständlich erscheint, erworbene Freiheiten derart inständig zu verteidigen, bis auch die Freiheiten eliminiert sind - dann werden nicht zuletzt politische Bildungslücken evident. Bildungslücken, die in unserer Hochleistungs- und Wohlstandsgesellschaft nur all zu gerne und lang in Kauf genommen werden. Welche Bürgerinnen und Bürger, die dieser Tage mehr Sicherheit und Überwachung fordern, wissen tatsächlich, was für ein fragiles (und verletzliches) Gut Demokratie und Freiheit sind?

Verwechseln sie Freiheit nicht längst mit einem relativen, gepanzerten Wohlstand, in dem Weltpolitik nur dann von Interesse erscheint, wenn man am Flugreiseschalter mit potenziellen Krisen- und Gefahrenherden konfrontiert wird? "Terror durchkreuzt Urlaubspläne" - das war zuletzt auch so eine groteske Zeitungsschlagzeile, die letztlich nichts anderes erzählt als: Müssen wir uns jetzt schon in all unseren (Konsum-)Freiheiten stören lassen? Da nehmen wir lieber Waffenkontrollen in der U-Bahn in Kauf.

Vor solchen Hintergründen erscheinen dieser Tage "entschlossene" Politikermienen wie jene von Tony Blair oder George W. Bush wie mühsam verhohlene Verfallserscheinungen von Macht. Historische "Vorbilder" dafür gibt es zur Genüge: Man lese nur Philipp Bloms jüngst erschienenes Buch Das vernünftige Ungeheuer, in dem das mühsame Ringen der französischen Aufklärung gegen zunehmend bizarre, totalitär auf Selbstverteidigung fixierte, religiöse und monarchistische Fundamentalismen beschrieben wird.

Oder: Michel Foucaults Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität, in denen der Philosoph, ebenfalls anhand historischer Entwicklungen, nachweist, wie gefährlich es sein kann, Normalität mit Normierung, Sicherheit mit Disziplin zu verwechseln. Der Preis dafür mag jenen, die demnächst vielleicht ihre Aktentaschen in der U-Bahn durchchecken lassen müssen, noch akzeptabel erscheinen. Er wird aber zweifelsohne weiter steigen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2005)

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