Zärtlichkeiten eisgekühlter Todesengel

25. Juli 2005, 19:08
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"Jedermann" mit Neubesetzungen: Ulrike Folkerts als der erste weibliche Tod und die neue Buhlschaft Nina Hoss

Salzburg - Wie fasst es sich an, das neue Frauenduo in der von Martin Kusej gestrafften Christian-Stückl-Inszenierung von Hofmannsthals Jedermann, mit der die Salzburger Festspiele ihr Gründungsstück endgültig an eine dubiose Form exklusiven Gafftheaters ausgeliefert haben? Die mediale Gier nach dem ideal designten Sexappeal einer filmischen Nitribit-Senkrechtstarterin hat dabei noch das Getuschel über die private Orientierung von Frau TV-Kommissarin Lena Odenthal, im wirklichen Leben Ulrike Folkerts, in den Schatten gestellt.

Die kühle, drahtig-charmante Draufgängern durchbricht erstmals im bald hundertjährigen Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes die Tradition einschüchternder Sensenmänner. Salzburg hat die Angst vor alltäglichen Gender-Experimenten überwunden und seit gestern Abend endlich eine herb-aparte, silberaschschimmernde "Tödin", die freilich mehr einem exquisiten Tanz der Vampire abgeht als einem Mysterienspiel, das dem Zuschauer des gottverächtlichen Treibens direkt in die Knochen fahren soll. Eine Forderung, die vom kasperliadisch geschminkten Spektakel schon längst nicht mehr eingelöst wird. Vielleicht will man das existenzielle Erschrecken des Publikums nicht mehr wirklich dulden und unterläuft den unverwüstlichen Anspruch eines genial funktionierenden Räderwerks mittelalterlich geschnittener Schablonen zunehmend mit der Picture-Show einer hübschen, pyrotechnisch untermalten Apokalypse.

Die neuen diesseitigen und jenseitigen, lockenden und mahnenden Damen passen bestens in das genehme, sensationell verkaufbare Bild, in dem vordergründige Grellheit und angenehmes Tremolo der Stimmen und Gestalten einen unterhaltsamen Memento-Mori-Cocktail ergeben.

Aber das scheint alles sekundär, inklusive der luxuriösen Verwahrlosung Peter Simonischeks in der Titelrolle, solange nur Nina Hoss der Buhlschaft modelhafte Figur, gymnastische Beweglichkeit und leicht kehlige Verführungsstimme leiht. Hoffentlich tanzt, gurrt, räkelt sich die neue Ikone nicht nur einen Sommer lang, wie vertraglich fixiert. Derlei kühle Blondengel sieht jedermann länger gern. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.07.2005)

Von Anton Gugg
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    Der Tod ist erstmals in der Geschichte der Salzburger Festspiele weiblich: Peter Simonischek packt auch bei "Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts das Entsetzen.

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    Die "Jedermann"-Inszenierung von Christian Stückl ist alt, die Buhlschaft hingegen neu: Martin Kusej, Schauspiel-chef der Festspiele, verpflichtete Nina Hoss.

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