Reportage: Mit Bier und Witzen gegen die gedrückte Stimmung

27. Juli 2005, 20:09
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Der Tourismus in London bricht ein, besonders seit dem zweiten Anschlagsversuch vor vier Tagen

Am Freitag, als der Brasilianer Jean Charles de Menezes im U- Bahnhof Stockwell erschossen wurde, da merkte Uta Stierwald ganz deutlich, dass etwas nicht stimmte.

Am Vormittag bestieg die Lehrerin aus Halle in Sachsen- Anhalt einen Themse-Dampfer in der Nähe des Riesenrads "London Eye", um zum Nullmeridian nach Greenwich zu schippern.

Erst legte das Schiff lange nicht ab, dann gab der Kapitän über Lautsprecher durch, es gebe mehrfachen Terroralarm, nicht nur in Stockwell, sondern auch an zwei Brücken, der Tower Bridge und der London Bridge. "Während der Fahrt riss der Käpt'n dann pausenlos Witze, da haben sich die Mienen bald wieder entspannt", erzählt Uta Stierwald.

Am Abend, im Roundhouse Pub am Covent Garden, war schon wieder alles in Ordnung. Wenigstens fast. Die meisten saßen nicht etwa an Tischen, sondern standen mit ihrem Bier im Freien und schwatzten. Eine Marotte, die Londoner nicht nur im Sommer mit Hingabe pflegen, nur dass ihr Lachen momentan etwas gewollter klingt.

Britisches Museum, Buckingham-Palast, Tate Modern, die Konzerte in der Royal Albert Hall – in sieben Tagen zog Frau Stierwald, an ihrer Seite Ehemann Dietmar, unbeirrt das volle Programm durch. "In der U-Bahn werde ich gleich ruhiger, wenn ich den Menschen in ihre Gesichter schaue", sagt die 44-Jährige. "Zumindest versuchen die Leute, gelassen zu wirken. Sie sind unglaublich hilfsbereit. Ich hab keinen erlebt, der sich genervt fühlte, wenn man ihn nach dem Weg fragte."

Stippvisite am futuristischen "Eye" an der Themse. Fred Howard hat Angst. Er ist 78, kommt aus Sergent im US- Bundesstaat Nebraska, absolviert mit Ehefrau, Tochter und Enkelkind eine Europa-Tour. Edinburgh, Bergen, Oslo, Stockholm, zum Schluss London. Nein, mit Terror habe seine Angst nichts zu tun, beschwichtigt der Greis, auch nach dem 11. September 2001 sei er bald wieder geflogen.

Nur wegen dieser Riesenradgondeln sei ihm mulmig im Magen. Hinter ihm ruft ein Reiseführer einer Gruppe aus Italien in Schauspielerpose zu: "Ladies and Gentlemen, das Eye ist Europas beliebteste Attraktion, wir haben sogar den Eiffelturm überholt."

Einstweilen geht es mit den Geschäften bergab. Vor Kurzem prophezeiten Experten noch, ausländische London- Besucher würden bis Jahresende 13,5 Milliarden Euro ausgeben. Rekordverdächtige Zahlen, die besten seit dem Millenniumsjahr 2000. Nach den Anschlägen vom 7. Juli schien sich die Branche schnell aufzurappeln.

Es waren die vier Attentatsversuche zwei Wochen später – die bittere Erkenntnis, dass sich der Schrecken jederzeit wiederholen kann – die am stärksten auf die Stimmung drückten. In der Oxford Street, der zentralen Einkaufsmeile, shoppte am "Tag danach" ein Fünftel weniger Kunden als am 22. Juli des Vorjahres. Insgesamt, meldet die British Hospitality Association, ging allein die Zahl der Wochenendbesucher im Juli sieben Prozent zurück.

Wer schon in der Stadt ist, der bleibt, bis sein Rückflug fällig ist. Kaum jemand sucht panikartig das Weite. Die meisten lassen geduldig alles über sich ergehen, das Taschenabtasten, das neuerdings genauso zu den Musiktheatern im West End gehört wie Andrew Lloyd Webber, die Bobbys in gelben Overalls, die plötzlich an jeder Bahnstation patrouillieren, die Ungewissheit, wenn ringsum das Sirenengeheul lauter wird.

Aber wird jetzt noch jemand buchen? "Mein Gefühl sagt mir, dass dies sehr ernste Folgen für den Fremdenverkehr hat", meint James Bidwell, Direktor von Visit London, der Tourismusbehörde der Stadt. "Die Frage ist: Wie lange dauert das an, wann werden wir uns davon erholen?" (DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2005)

Frank Herrmann aus London
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    Touristin in London: Trotz Terrorangst volles Programm.

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