Die herbsüßen Tücken des Tokajers

27. Juli 2005, 17:49
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Ungarns Oppositionsführer Orbán im Zentrum einer Affäre um dubiose Weingeschäfte

Ungarns Oppositionsführer Viktor Orbán soll sich in seiner Amtszeit als Ministerpräsident (1998 bis 2002) an unorthodoxen Geschäften mit Tokajerwein bereichert haben. Dies ist die Arbeitshypothese eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Nach monatelangen Anhörungen verdichteten sich jetzt vielfache Hinweise auf die Frage, ob nur die Weinfirmen aus dem Orbán-Interessenkreis von staatlichen Zuwendungen profitierten oder auch andere Unternehmen aus der Branche.

Der Ausschuss kam zu dem Ergebnis, dass die staatliche Tokajer-Handelsgesellschaft in der Orbán-Zeit viel mehr Zuschüsse bekommen habe als sonst, und dass sie für dieses Geld massenhaft minderwertigen Wein aufgekauft habe, darunter auch von einem Weingut, an dem Orbáns Ehefrau Aniko Lévai damals beteiligt war. Diese Aufkäufe hätten dazu geführt, dass die Handelsgesellschaft Tokaj Kereskedöház Kft. große Mengen minderwertigen Tokajers mit hohem Verlust verkaufen musste. Orbán wies alle Vorwürfe zurück.

"Weitere Enthüllungen" angekündigt

Ins Rollen kamen die Untersuchungen durch eine Enthüllungsserie der führenden ungarischen Literaturzeitschrift Élet és Irodalom ("Leben und Literatur" – kurz: ÉS) zu Jahresbeginn. Die ÉS hatte aus Protokollen zitiert, wonach Orbán kurz vor den Wahlen 2002 an den Vorstandssitzungen der Firma seiner Frau, der Szárhegy dülö-Tokajhegyalja Kft., teilgenommen und dort Ratschläge erteilt habe.

ÉS muss diese Vorwürfe jetzt nach einem Gerichtsurteil in zweiter Instanz zurücknehmen, doch scheint die Sache damit nicht vom Tisch. Denn das Gericht folgte der Argumentation des Klägers – der Szárhegy-Kft. – nur dahingehend, dass die Protokolle unglaubwürdig seien, weil es zum fraglichen Zeitpunkt keine offiziellen Vorstandssitzungen gegeben habe. Dass es sich um inoffizielle Sitzungen in einem Wohnzimmer gehandelt haben könnte, wie ÉS schreibt, wurde nicht ausgeschlossen. ÉS kündigte weitere Enthüllungen an.

Untersuchungsausschuss

Die Frage, wie hohe Politiker zu ihrem Vermögen gekommen sind, dürfte die Budapester Polit-Szene weiter in Atem halten, denn parallel tagt ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zum Thema "Bereicherung der Apró-Gyurcsány-Interessensgruppe", den Orbáns rechtskonservative Partei Fidesz als Reaktion auf den Tokajer-Ausschuss initiiert hat.

Bisher steht dort aber nur die unbestreitbare Tatsache im Raum, dass Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány mit Klara Dobrev verheiratet ist, einer Enkelin des hohen kommunistischen Funktionärs Antal Apró (1914-1994). Es wird unterstellt, dass Klara Dobrev alte Seilschaften als Mitgift eingebracht habe, mit deren Hilfe der Geschäftsmann Gyurcsány es zu seinem Riesenvermögen gebracht haben soll. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2005)

Von Katrin Lauer aus Budapest
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    Der ungarische Oppositionsführer Viktor Orban soll sich während seiner Amtszeit als Ministerpräsident (1998-2002) an dubiosen Geschäften mit Tokajer-Wein bereichert haben.

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