Kopfschuss

13. Februar 2007, 14:02
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Der tragische Vorfall in London wirft ein kurzes Schlaglicht auf die Berufssituation von Polizisten - Von Caspar Einem

Jean Charles Menezes ist also zu Unrecht erschossen worden. Mit Kopfschuss. Weil bei Selbstmordattentätern, die einen Bombengürtel um den eigenen Körper tragen, nur so verhindert werden könne, dass sie die Bomben noch zünden können. Menezes war kein Selbstmordattentäter. Er war für die Jahreszeit zu warm gekleidet und hat Aufforderungen der Polizei nicht sofort befolgt. Das alles in London am Tag der zweiten Serie von Anschlägen auf die Londoner U-Bahn. Unter diesen Bedingungen im Zweifel für Kopfschuss?

Dieser tragische Vorfall wirft ein kurzes Schlaglicht auf die Berufssituation von Polizisten – nicht bloß denen in London: Das ist eine Berufsgruppe, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, in Situationen noch hingehen, hingreifen zu müssen, wo andere dazu nicht mehr bereit sind. Und sie sollten sich auch unter diesen Umständen nüchtern und abwägend, zugleich aber mutig und wirksam einsetzen.

Was wäre gewesen, wenn M. doch ein Selbstmordattentäter gewesen wäre und die Polizei nicht geschossen hätte? Was, wenn M. dann die Bombe gezündet hätte? Er hätte sich selbst und die Polizisten in die Luft gesprengt. Was also ist von den konkreten Polizisten in dieser Situation zu verlangen?

Und was ist von der Gesellschaft zu verlangen, die wünscht, in Extremfällen von der Polizei geschützt zu werden und die zugleich wünscht, dass beim Einsatz von Gewalt nicht übers Ziel geschossen wird? Rahmenbedingungen, die dieses Engagement der Polizisten erlauben, die den Mut fördern, auch den, mit dem gelindesten noch zum Ziel führenden Mittel wirksam sein zu können. Das erfordert eine Ausbildung für Extremsituationen, wie sie zumeist nur für Spezialeinheiten geboten wird. Und es erfordert ein berufliches Umfeld, das Sicherheit vermittelt. Und auch Gelegenheiten, über die eigenen Ängste sprechen zu können, ohne als Angsthase zu gelten.

Vieles davon fehlt derzeit in Österreich. Nach Jahren der ständigen Umorganisation sind viele Beamte der Polizei tief verunsichert. Budgetknappheiten behindern vielfach die notwendige Ausstattung mit Personal, mit Hilfsmitteln und auch den nötigen Aufwand an Ausbildung. Wenn wir aber nicht wollen, dass im Zweifelsfall unter insgesamt gefährlichen Bedingungen allenfalls Unschuldige erschossen werden, dann müssen wir uns Organisation, Ausstattung und Ausbildung der Polizisten zum Anliegen machen. Denn sie müssen auch dann noch bereit sein, hinzugehen, wenn wir alle nicht mehr hingehen würden. Und dafür brauchen sie ein entsprechendes berufliches Umfeld, klare gesetzliche Regeln und nicht zuletzt auch unsere Anerkennung für diesen Beruf.

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    foto: derstandard.at
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