Freunde und Kollegen nehmen getöteten Brasilianer in Schutz

25. Juli 2005, 18:22
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Vorwurf der "Verantwortungslosigkeit" an britische Behörden

Sao Paulo - Freunde und Angehörige des Brasilianers, den die Polizei in London irrtümlich erschossen hat, haben Zweifel an der Darstellung von Scotland Yard geäußert und den Behörden Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. "Mein Cousin ist kaltblütig ermordet worden", sagte Alex Alves Pereira, der mit dem 27-jährigen Jean Charles de Menezes in der britischen Hauptstadt gelebt hatte, der brasilianischen Zeitung "O Estado de San Paulo" vom Sonntag (Ortszeit).

Die Ermittler hätten "eine unverantwortliche Haltung gegenüber einem unschuldigen Menschen" an den Tag gelegt. "Er war ein Arbeiter und hatte mit Terrorismus nichts zu tun." Pereira hatte seinen Cousin nach den Todesschüssen Berichten zufolge in der Leichenhalle identifiziert.

Ein Kollege von Menezes, Gesio de Avila, sagte der brasilianischen Zeitung, der junge Mann habe ihn am Freitagmorgen mit dem Mobiltelefon angerufen, als er den U-Bahnhof Stockwell betreten habe, und ihm gesagt, dass er sich ein wenig verspäten werde. "Wenn er gelaufen ist, dann einfach deshalb, weil er spät dran war." Die Polizei hatte nach den tödlichen Schüssen erklärt, die Fahnder hätten auf Menezes geschossen, weil er ihre Anweisungen nicht befolgt habe. Augenzeugen berichteten, dass die Polizisten den Mann durch den U-Bahnhof im Süden Londons verfolgt und schließlich aus nächster Nähe mit fünf Kopfschüssen getötet hätten. Menezes war aus einem Haus gekommen, das die Polizei nach den fehlgeschlagenen Attentaten vom Donnerstag beschattet hatte.

Freunde und Nachbarn von Menezes' Familie, die in Gonzaga im Südosten von Brasilien lebt, zeigten sich erschüttert. "Seine Mutter ist deprimiert, verzweifelt, sie kann gar nicht sprechen", sagte eine Nachbarin der Zeitung "Folha de Sao Paulo". Eine Cousine des Getöteten, Alexandra Alves Pereira, sagte dem Blatt: "Wir wissen immer noch nicht, was wir tun sollen. Ich glaube, dass man Anzeige (gegen die britische Regierung) erstatten muss." Die Großmutter des 27-Jährigen sagte: "Er war sehr lieb, er hat sich um uns gekümmert, er hat mir viel Geld gegeben. Und er hat mein Telefon angeschlossen." Die britische Polizei hatte am Samstag mitgeteilt, dass Menezes nichts mit den Anschlägen zu tun hatte, und die "Tragödie" bedauert. (APA)

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