"Wir waren ein modernes englisches Paar"

26. Juli 2005, 16:32
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In London getötete Italienerin und Pakistaner wollten Hochzeit "über alle Grenzen" feiern

Die erste nach den Londoner Anschlägen identifizierte Tote war eine islamische Britin pakistanischer Herkunft. Die Nummer 34 auf der offiziellen Opferliste trägt eine junge Frau, deren Schicksal die italienische Öffentlichkeit in diesen Tagen besonders rührt: die Römerin Benedetta Ciaccia. Als die 30-jährige Finanzanalystin am Morgen des 7. Juli in Norwich in den Zug stieg, um ihren Arbeitsplatz in der Liverpool Street zu erreichen, hatte sie ihrem Lebensgefährten wie gewohnt ein SMS geschickt. Es war ihr letztes Lebenszeichen, bevor sie bei einer der Explosionen im U-Bahn-Schacht starb.

Benedetta Ciaccia hätte in zwei Monaten ihren Freund heiraten sollen: den pakistanischen Muslim Fiaz Bhatti. Beide hatten sich vor drei Jahren in Manchester kennen gelernt. "Wir hatten uns immer für ein modernes englisches Paar gehalten, dessen Liebe keine Grenzen von Religion, Sprache und Nationalität kannte", versichert der Geschäftsmann. "Es war nicht einfach, unsere Eltern von der Hochzeit zu überzeugen. Schließlich haben sie begriffen, dass die Liebe das Wichtigste ist." Weil er religiösen Fanatismus ablehnt, war Bhatti von Luton nach Norwich übersiedelt, wo ein "freieres Klima" herrscht.

Trauung am 11. 9.

Benedetta Ciaccia war mit 18 Jahren nach London gekommen und hatte sich ihr Informatikstudium als Babysitter finanziert. "Sie hat es nicht verdient, so zu sterben", sagt ihre Mutter Giulia weinend. "Wir werden sie mit dem Hochzeitskleid bestatten." Ironie des Schicksals: Das Paar hatte den 11. September als Hochzeitstag gewählt. "Wir wollten damit ein Zeichen setzen für den Glauben an eine positive Zukunft. Der Tag sollte den Sieg der Freude über die Trauer verdeutlichen, den Sieg des Lebens über den Tod. Es ist unfassbar", gesteht Bhatti unter Tränen.

Am vergangenen Donnerstag wurden die sterblichen Überreste der Italienerin nach Rom überführt. Bürgermeister Walter Veltroni hat für die Beerdigung einen Trauertag angeordnet. Veltroni: "Die tragische Symbolhaftigkeit dieses Schicksals kann niemanden ungerührt lassen." (DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2005)

Gerhard Mumelter aus Rom
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