"80 Dollar nicht ausgeschlossen"

31. Juli 2005, 18:16
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Preisanstieg von Erdöl nach Expertenmeinung weiterhin ungebrochen - Analysten beurteilen Entwicklung der internationalen Erdölversorgung pessimistisch

Wien - Der Ölpreis eilt seit Monaten von einem Hoch zum nächsten und schockiert Fachwelt und Konsumenten mit ungebremstem "Gipfeldrang". Zuletzt "schaffte" er angesichts negativer Auswirkung der Stürme im Golf von Mexiko auf die Öllieferung an die USA auf dem New Yorker Erdölmarkt erneut ein Rekordhoch: Der Preis für ein Fass leichten US-Öls im August-Kontrakt übersprang erstmals deutlich die Marke von 61 US-Dollar und kostete Mitte Juli satte 61,28 US-Dollar.

Damit ist der Ölpreis seit Gründung des New Yorker Energiemarkts im Jahr 1983 so teuer wie noch nie. Analysten beurteilen die Entwicklung der internationalen Erdölversorgung pessimistisch: Bis Ende 2005 könnte der Ölpreis für ein Barrel sogar noch auf bis zu 80 US-Dollar steigen.

Befürchtungen, die Terroranschläge in London könnten zu einer Verschlechterung des Verbrauchervertrauens und damit zu einer Verringerung der Ölnachfrage führen sowie stärker als erwartet gestiegene Vorräte in den Vereinigten Staaten hätten den Preis zuletzt jedoch etwas gedrückt.

Keine Knappheit

Die US-Rohölvorräte sind Anfang Juli kräftiger als erwartet gefallen. Geringere Importe und der starke Anstieg der Raffinerieproduktion seien für den Rückgang verantwortlich gewesen. Ende Juli hat jedoch die hohe Auslastung der Raffinerien wieder zu einem Aufbau der Produktenvorräte geführt. Dass die Lagerbestände trotz der im Vorjahresvergleich um rund sechs Prozent höheren Nachfrage so stark zugelegt hätten, bestätigt auch die Analysten von Daiwa Securities in der Meinung, dass es heuer zum Jahresende nicht zur vielfach befürchteten Knappheit an Heizöl und Diesel kommen dürfte.

Doch Robin Batchelor und Poppy Buxton, Manager des Merrill Lynch World Energy Fund, sehen noch kein Ende bei den Ölpreissteigerungen: "Die Produzenten haben es über viele Jahre verabsäumt, in moderne Fördertechnik und in die Suche nach neuen Ölfeldern zu investieren. Zwar soll dieser Fehler jetzt behoben werden, aber das braucht seine Zeit: Bis Öl aus einem neuen Feld in den Markt strömt, vergehen zehn Jahre vom Zeitpunkt der Entdeckung an gerechnet. Sogar wenn die Ölfirmen nun Unsummen dafür ausgeben, geht es nicht schneller." Die Nachfrage nach Öl werde heuer um 1,9 Prozent wachsen.

Keine Entspannung

Bis man beim Bezahlen an der Tankstelle wieder entspannt durchatmen kann, wird es aber noch eine Weile dauern: "Der Weltwährungsfonds IMF erwartet heuer noch 80 US-Dollar pro Fass - erst 2009 sollten es dann wieder 40 Dollar sein", meinen die Merrill-Lynch-Manager. Dieser Höhenflug wird mit einem Minus von 0,8 Prozent auf das Wachstum der beiden Triebfedern für die hohen Ölpreise, nämlich die USA und China, drücken. Schlimmer sollte es, so meinen Robin Batchelor und Poppy Buxton, nicht werden: "Die Weltwirtschaft ist heute um ein Fünftel weniger vom Öl abhängig als in den 70er- und 80er-Jahren. Anfällig sind besonders Länder, die gerade auf dem Sprung zu Industrienationen sind. Sie trifft der Anstieg besonders hart."

Was die aktuelle Situation verschärft, ist der Ausfall von Russland als dämpfender Faktor auf den Ölpreis: "2003 kamen 95 Prozent und 2004 noch 75 Prozent des Förderzuwachses aller Nicht-Opec-Länder aus Russland. Jetzt scheint es, dass weitere Produktionssteigerungen dort nicht mehr möglich sind." (Reinhard Kremer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.7.2005)

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