Klangmikroorganismen und Partystimmung

29. Juli 2005, 14:32
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25 Jahre Nickelsdorfer "Konfrontationen"

Nickelsdorf - Einen Moment lang erlaubte man sich letztes Wochenende in Nickelsdorf innezuhalten: 25 Jahre sind schon ein beträchtliches Alter für ein Festival für avancierte Improvisationsmusik, vor allem angesichts der knappen Ressourcen, die Gastwirt Hans Falb für sein international hoch angesehenes Treffen schräger Musikanten nach wie vor zur Verfügung stehen.

Christof Kurzmann sprach denn auch im örtlichen Kunsthaus von den "Konfrontationen" als der langjährigsten Konstante seines Lebens, allein die Beziehung zu seiner Mutter könne da mithalten. Anschließend leitete er im Duo mit dem britischen Geräuschvirtuosen John Butcher die aufkommenden nostalgischen Energien wieder ins Hier und Jetzt zurück: Zwischen hochfrequentem Flirren und rauen, grobkörnig granulierten Noiseschichten erarbeiteten Laptop und Saxofon in selbstverständlicher Zweisamkeit abstrakte, an der elektronischen Drone-Ästhetik geschulte Soundscapes.

Familiär ging's natürlich auch in der Jazzgalerie zu, obwohl die Avantgardeveteranen heuer in geringerer Anzahl vertreten waren. Die ersten beiden Festivaltage, derer der Rezensent anhörig wurde, könnte man auf die Formel "viel Qualität, wenig Überraschung" bringen. Als Letztere ließe sich der Berliner Gitarrist Olaf Rupp titulieren. Gemeinsam mit Joe Williamson (Bass) und Tony Buck (Schlagzeug) inszenierte er einen wahren Mahlstrom aus partikelhaften Klangmikroorganismen, den er sukzessive zu atemberaubender Dichte beschleunigte.

Allerlei Dröhnung

Derlei modernistische Strenge ist dem ebenfalls Berlin-affinen (Williamson), in Gestalt von Martin Siewert und Martin Brandlmayr jedoch auch Wien-verwurzelten Trio Trapist fremd: Dass in Nickelsdorf die Spannung zwischen abstrakten Drones, entschleunigtem Puls und schemenhaft erinnerten Psychedelia-Akkorden nicht immer aufrechterhalten werden konnte, hatte vielleicht damit zu tun, dass man sich statt postrockiger Andeutung, Dekonstruktion phasenweise zu sehr neorockiger Expression hingab.

Erwartungsgemäß etwas heiterer ging das achtköpfige Corkestra um Pianist Cor Fuhler zu Werke: Dieses charmierte mit trashigen Ensemble-Sounds aus räudigen Bläsersätzen, Lo-Fi-Keyboard und Hackbrett (!), formal gab man sich mit braven Solo-Reihen etwas bieder. Mats Gustafsson hingegen zelebrierte mit seinem Trio "The Thing" Free Punk mit der Brechstange: Orgiastische Geräuschbrocken spie er aus seinem Saxofon, um in inspirierten Momenten zu unglaublicher physischer Direktheit zu finden.

Eine echte Konfrontation bedeutete indessen das "Trio Exklusiv", zurzeit offenbar die österreichische Konsensband: Mit Perkussionist Paul Skrepek zum Quintett erweitert, ließen die Herren nicht nur die Groove-Sau raus, sondern fanden sie in hochenergetischem Free-Jazz-Powerplay zu bislang ungeahnter Durchschlagskraft. Ja, Nickelsdorf hat schon vielen gut getan. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.07.2005)

Von Andreas Felber
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