Freie Sicht auf Argentinien!

29. Juli 2005, 14:32
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Der argentinische Tenorsaxofonist Gato Barbieri und die kubanische Gesangsdiva Omara Portuondo begeisterten beim Jazzfest Wiesen mit Tanzmusik. Das Publikum wollte sitzen.

Wiesen - Wenn sich einer aus dem Publikum bei den Securityleuten beschwert, weil ihm von den bösen Tanzenden im Mittelgang die Sicht von seinem Pupssessel aus zur Bühne verstellt wird, dann befindet man sich definitiv beim Jazz. Dort werden zwar, so wie beim heurigen Jazzfest im burgenländischen Wiesen, nicht gerade Heizdecken in ein bestuhltes Openair-Konzert mitgenommen, damit man es beim innerlichen Mitwippen schön warm hat.

Sollte allerdings in Zukunft einmal jeder Platz auch mit einer Steckdose ausgestattet sein . . . man will es sich gar nicht vorstellen. Immerhin heuer schon gesichtet: privat mitgebrachte Sitzkissen.

"Free your mind and your ass will follow", das alte Postulat des wilden Funk, spielte es am zweiten Tag des Jazzfests vor heuer noch dazu eher schütterer Kulisse gar nicht. Der blieb am Eröffnungstag zuvor jungen Leuten wie Róisín Murphy oder Trio Exklusiv vorbehalten.

Am Samstag erlebte man dafür nicht nur bei einem heuer in Europa nach einer neuerlichen Zwangspause wegen eines schweren Augenleidens einzigen Festivalauftritt von Gato Barbieri ein blaues Wunder - als bei seinem Konzert dann tatsächlich die Tanzenden vertrieben wurden. Ein kleines Wunder auch, dass der heute 72-jährige Argentinier überhaupt noch mit einer derartigen Kraft auf der Bühne stehen kann.

Mit zwei entfesselten Perkussionisten, einem Keyboarder und einem wunderbar flinken Kugelmenschen am Bass rumorte sich der heute in New York lebende Tenorsaxofonist nicht nur durch alte Latin-Jazz-Klassiker wie El Arriero, Bolivia oder den Titelsong zum Last Tango In Paris. Der brachte ihm 1972 nach seinen Mitte der 60er-Jahre gemeinsam mit Don Cherry betriebenen Freejazz-Studien und später seiner Rückbesinnung auf die lateinamerikanische Kultur mit der Latin America-Tetralogie den Weltruhm.

Brüllende Boleros

Wie man gleich eingangs bei seiner Interpretation des Boleros Cuando Vuelva A Tu Lado (What A Diff'rence A Day Makes) oder einer in den Frühherbst gedeuteten Summertime hören konnte: Gato Barbieri ist nach einer gut zehnjährigen Phase der Depression aufgrund des Todes seiner Frau und Muse Michelle und drei Bypassoperationen jetzt seit 1997 mit Unterbrechungen an guten Tagen wie diesem durchaus wieder in der Lage, sein Saxofon mit rau wie beseelt um Freiheit brüllendem Ton zwischen Banküberfall und Kuschelrock zum Singen zu bringen.

Besonders berührend, wie hier einer bemüht unbeteiligt Kaugummi kauend gerade auch in der für seine Frau geschriebenen Ballade She Is Michelle zumindest die alte, früher kaum zu bremsende Energie noch einmal knapp ans jetzige Limit hochfährt.

Wackerer als zuletzt bei der Eröffnung der Wiener Festwochen hielt sich auch Omara Portuondo vom Buena Vista Social Club mit drei Hand voll Begleitmusikern und ihrer Schatzkiste voller alter Mambos, Boleros und Habaneras. Die 75-Jährige war nicht nur stimmlich wieder bestens disponiert. Sie hielt sich dieses Mal mit dem Forcieren und Übertreiben dieser wunderbaren Schmachtfetzen auch selbstbescheiden zurück. Eine erfreuliche Angelegenheit für Besucher, die sie in den letzten Jahren öfters mehr und nicht weniger erleben durften. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.07.2005)

Von Christian Schachinger
  • Gato Barbieri, der alte Großmeister des freitönerischen und entfesselten Latin Jazz, konnte beim "Jazzfest Wiesen" trotz angeschlagener Gesundheit begeistern.
    foto: standard/christian fischer

    Gato Barbieri, der alte Großmeister des freitönerischen und entfesselten Latin Jazz, konnte beim "Jazzfest Wiesen" trotz angeschlagener Gesundheit begeistern.

  • Omara Portuondo vom kubanischen Buena Vista Social Club zeigte sich mit gefühlvollen Boleros und feurigen Mambos beim "Jazzfest Wiesen" in Bestform.
    foto: standard/christian fischer

    Omara Portuondo vom kubanischen Buena Vista Social Club zeigte sich mit gefühlvollen Boleros und feurigen Mambos beim "Jazzfest Wiesen" in Bestform.

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