Die Verletzlichkeit der Welt

24. Juli 2005, 21:10
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Festspieleröffnung im Schatten des Terrors

Salzburg - "Wir haben nie geahnt, dass es zu solchem Terrorismus kommen wird, bei dem Kinder und Frauen ermordet werden. Doch wir dürfen unsere europäischen Werte nicht wegbomben lassen!" Mit diesen Worten eröffnete Bundespräsident Heinz Fischer am Sonntagvormittag in der Felsenreitschule die Salzburger Festspiele.

Erstmals seit Jahren gab es beim offiziellen Eröffnungsakt keinen Festredner, stattdessen wurde die Kunst in den Mittelpunkt gerückt: Von Intendant Peter Ruzicka und Schauspieldirektor Martin Kusej wurde ein Ausblick auf das Opern-, Konzert- und Schauspielprogramm geboten.

In seiner Eröffnungsrede ging Fischer auch auf das Gedenkjahr 2005 ein: "Auch die Kunst hat zur Aufarbeitung und Überwindung des Adolf-Hitler-Heinrich-Himmler-Josef-Goebbels-Auschwitz-Albtraumes beigetragen. Und dafür, dass es Einzelne gibt, die eine Gaskammer noch immer nicht von einem Brausebad unterscheiden können, kann die Kunst wirklich nichts", sagte der Bundespräsident. Kunst sei "als Haustier sicher nicht geeignet, als Spiegel der Gesellschaft allemal".

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel thematisierte "die Verletzlichkeit unserer Welt" angesichts von Naturkatastrophen und Terror in Europa. Als Grundlage der Verteidigung der europäischen Werte gelte es zunächst, sich über ihre Grundlagen Klarheit zu verschaffen. Die europäische Lebenskultur sei "eine Kultur der Freiheit, die es auch im Alltag zu verteidigen gilt", so der Bundeskanzler. Europa müsse zusammenstehen, einig und konsequent. Weiteres Merkmal sei "unsere Wertschätzung von Natur und Lebensqualität". Man müsse aufhören, die Ressourcen zu verbrauchen, wichtig sei nicht das nächste Quartalsergebnis, sondern die langfristige Sicherung der Zukunft.

Regenerierende Kraft

Gabi Burgstaller, die Landeshauptfrau, beschäftigte sich in ihrer Rede in erster Linie mit Salzburg: "Die Festspiele haben den Sinn, alte Traditionen zu erneuern, als regenerierende Kraft zu wirken, die Kunst als Friedensbringer für ein zerrissenes Europa einzusetzen, hat Hugo von Hofmannsthal gesagt. Was bleibt, ist die Frage, was kann heute die regenerierende Kraft der Festspiele sein, und wie können wir heute unsere Traditionen erneuern." Sie sei dafür, "dass wir uns in Zukunft im Rahmen der Festspiele Gedanken über Form und Inhalt dieser Auseinandersetzung machen".

Beim Stehempfang danach stellte Burgstaller erleichtert fest, dass die neue Form der Eröffnung gut angekommen sei. Ein Festredner wäre "noch nicht vom Tisch", es werde aber weitere Erneuerungen geben. Eine Erneuerung folgt heute, Montag: Robert Menasse hält auf Einladung von Agnes Husslein, der Direktorin des Museums der Moderne, am Mönchsberg eine Ersatz-Eröffnungsrede. Sie wird am Dienstag im STANDARD zu lesen sein. (trenk, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 25.07.2005)

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