Al-Kaidas "Furcht und Schrecken"

24. Juli 2005, 18:30
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Nach dem Doppelschlag: Mehr Ehrlichkeit im Antiterrorkampf ist gefordert - von Markus Bernath

Der vierte Weltkrieg hat schon begonnen. Seit 9/11 gehört er zum Jargon der CIA und des Pentagon, das seine Spezialeinheiten selbst in so gottverlassene Ecken wie Mauretanien schickt, einem Wüstenstaat zwischen Marokko und Senegal, um nur irgendwie einen Zipfel des Terrornetzwerks Al-Kaida zu erwischen, von dem man nicht mehr weiß, ob und in welcher Form es noch existiert. Doch der Doppelschlag von London und Sharm el-Sheikh, ein Terrorangriff auf zwei Kontinenten, dazu die massive Fahndung in Pakistan - auf einem dritten Kontinent -, geben der abgeschmackten Formel vom vierten Weltkrieg eine neue Gestalt. So muss er wohl aussehen, der "World War Four".

Es gibt seit diesem Wochenende wieder Theorien, die besagen, dass, wenn nicht Osama Bin Laden und sein Stellvertreter Ayman al-Zawahiri, so doch eine mittlere Führungsebene von Al-Kaida in der Lage ist, zeitnah Terroranschläge an verschiedenen Orten auf der Welt zu orchestrieren. Tatsächlich hat es die schnelle Abfolge solcher Angriffe mit unterschiedlichen Mitteln und in mehreren Ländern auch schon gegeben. Nur vier Tage lagen im Mai 2003 zwischen einem Selbstmordanschlag in der saudischen Hauptstadt Riad, bei dem 35 Menschen starben, darunter neun Amerikaner, und der Serie von Bombenexplosionen in Casablanca mit 45 Toten. In beiden Fällen hatte die Regierung zuvor weismachen wollen, ein Angriff durch Terroristen im Land sei undenkbar.

Im Nachhinein mag man die Anschläge von London und Sharm el-Sheikh also als Teil jener Prophezeiung lesen, die al-Zawahiri im September 2002, ein Jahr nach 9/11, an den Westen und an alle Regierungen, die mit den USA zusammenarbeiteten, gerichtet hatte: "Einige Botschaften sind bereits an Amerikas Handlanger geschickt worden, damit sie sich zurückhalten und sich nicht mit dem Angriff dieses Kreuzritters verbünden. . . Doch wenn diese Dosis nicht ausreicht", so drohte Zawahiri, ein früherer Arzt, "stehen wir bereit, mit Allahs Hilfe weitere Dosen zu injizieren." Mehr als einen Monat vor den ersten Anschlägen auf die Londoner U-Bahn am 7. Juli drohte eine Gruppe namens "Abu Hafs al-Masri-Brigaden - Al-Kaida in Europa" eine solche tödliche "Dosis" an. Die Warnung hatten die britischen Behörden offenbar ignoriert.

Der Wunsch nach einem fassbaren Gegner ist groß. Doch diesen Gefallen erweisen die Terrorgruppen, die heute im Irak, in Ägypten, in Saudi-Arabien oder in Europas Großstädten ihrem Handwerk nachgehen und sich dabei der "Marke" Al-Kaida bedienen, den Menschen nicht. Die mutmaßlichen Bombenleger von London haben ein Gesicht, doch ihr Handeln bleibt unverständlich, ihre Auftraggeber sind verborgen. "Shock and awe", das machohaft-simple Kriegskonzept, das die Pentagongeneräle im März 2003 für den Angriff auf Bagdad vorstellten, hat sich gegen die Zivilisten im Krieg gegen den Terror gewandt. Es sind die U-Bahn-Fahrer in London, die Urlauber am Roten Meer, die heute in "Furcht und Schrecken" versetzt werden.

So reicht es, dass der vierte Weltkrieg allein als Vorstellung in den Köpfen existiert und in Wahrheit wohl kein einzelner dunkler Kommandeur auf der Gegenseite die Terrorschläge anordnet. Doch der Fortgang des Antiterrorfeldzugs im Westen braucht Korrekturen.

Der Streit um die Verantwortung der US-Regierung im Irak und das Anheizen des Terrorismus ist müßig. Das Eingeständnis von Fehlern zu fordern, ist es nicht; ebenso wenig, wie ehrliche Anstrengungen für einen gerechten Frieden in Nahost zu verlangen. Den Bürgern einzureden, wie es der britische Premier Tony Blair zuletzt wieder versuchte, sie möchten - Anschläge hin oder her - doch "business as usual" pflegen, wirkt mittlerweile fast anstößig. U-Bahn-Fahren ist ein Risiko geworden, ein Urlaub in manchen Touristenorten ebenfalls. Jeder mag diese Gefahr für sich selbst abschätzen. Doch von den politischen Führern darf man zumindest Ehrlichkeit erwarten. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2005)

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