In der Achterbahn Asyl

16. März 2006, 12:23
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Trotz der Verschärfungen durch das neue Asylgesetz bleibt der Gemeinschaftssinn der Flüchtlinge in der Webgasse bestehen - ebenso wie Ute Bocks bedingungsloser Einsatz für ihre Schützlinge

Wien - Das Flüchtlingsheim in der Webgasse im 6. Bezirk wirkt dunkel, dennoch gewinnt man schnell den Eindruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls, dessen Stärke sogar für "Neuankömmlinge" spürbar ist. In der Wohnung einer Asylantenfamilie, zu der ein schmaler und schäbiger Gang führt, äußert sich Ute Bock sofort zum neuen Asylgesetz: "Es hat alles verschärft, das neue Gesetz. Es ist schwieriger und enger geworden."

Harald Perl, Vorsitzender des österreichischen unabhängigen Bundesasylsenats, meint ebenfalls, dass die Gesetzesbestimmungen strenger geworden seien. "Eine wirkliche Beurteilung werden wir erst nach Beginn des Vollzugs treffen können. Es gibt eine Fülle von politischen Beobachtern, die ihre Sorgen bereits im Vorfeld artikuliert haben." Wie zum Beispiel Walter Posch (SPÖ), der viele Punkte "nicht in Ordnung" findet.

Nicht in Ordnung sind auch die Schicksale der Flüchtlinge. Der Familie Danjelian aus Armenien wurde nicht gleich nach der Ankunft geholfen. "Wir mussten sogar drei Nächte auf dem Westbahnhof schlafen", weiß der zweifache Familienvater zu berichten. Dann trafen sie Ute Bock.

Jährlich bewerben sich rund 20.000 Flüchtlinge um Asyl, wobei 12.311 im vergangenen Jahr nach einer ersten Ablehnung in Berufung gingen. Um einen Antrag auf Asyl stellen zu können, brauchen Ausländer eine Adresse, unter der sie sicher aufzufinden sind. Bock finanziert Flüchtlingen Wohnungen, die es ihnen erlauben sich legal in Österreich aufzuhalten. Auf die Vorwürfe der FPÖ, Scheinmeldungen auszustellen, reagiert Bock empört. "Obdachlosenmeldungen, mit denen sich Flüchtlinge ein Recht erschleichen, gibt es nicht."

"Sie verwahrlosen"

Darüber hinaus kritisiert sie das komplizierte System, welches Flüchtlinge von einer Behörde zur anderen und von Ort zu Ort schickt. "Wenn die alle 14 Tage woanders sind, werden sie nie heimisch werden - sie verwahrlosen richtig." Ihrer Meinung nach wäre für die Zukunft mehr getan, wenn man Ausländern entgegenkommen würde, statt sie abzuweisen. Einen Menschen, der zehn Jahre auf Asyl warten muss und weder einen festen Wohnsitz noch eine geregelte Arbeit hat, könne man nicht als positives Mitglied in die Gesellschaft integrieren - er leide bereits unter psychischen Problemen.

Auf die Frage, warum sie sich mit Leib und Seele für Flüchtlinge einsetzt, antwortet Bock: "Ich bin in Pension und ich hab mir gedacht: Das mach ich noch fertig!" (DER STANDARD-Printausgabe, 22.7.2005)

Sibylle Brunner und Natalia Jacyniak
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    foto: schuelerstandard
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