Polizei tötet Unschuldigen

28. Dezember 2005, 14:16
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Erschossener Brasilianer ohne Verbindung zu Anschlägen - Polizei: "Tragödie" und "ethisches Dilemma" - Livingstone: "Todesschuss-Politik" nötig

London - Der am Freitag in London erschossene Mann hatte nach Angaben der Polizei keinen Bezug zu den vier Anschlägen auf das Nahverkehrssystem der britischen Hauptstadt am Donnerstag. Das teilte die britische Polizei am Samstag mit und drückte ihr Bedauern über den Vorfall aus: "Es ist eine Tragödie, sein Leben unter solchen Umständen zu verlieren und die Londoner Polizei bedauert dies." Polizisten hätten den Mann aus einem Wohnblock nahe der U-Bahn-Station Stockwell kommen sehen. Er sei dann bis in die Station verfolgt worden. "Seine Kleidung und sein Verhalten kamen zu den Verdachtsmomenten hinzu." Die Umstände, die zu seinem Tode geführt haben würden noch untersucht.

Bitte um Verständnis

Ein Verantwortlicher der britischen Polizei bat die Bevölkerung um Verständnis für den Zwischenfall. Die meist jungen Polizisten stünden vor einem "riesigen ethischen Dilemma", sagte Ken Jones, Vorsitzender des Terrorismuskomitees des Verbands der britischen Polizeioffiziere. Er bitte die Bevölkerung darum, zu verstehen, wie schwierig diese Missionen seien, und dass die Konsequenzen eines Fehlers hunderte Todesopfer sein könnten. "Das ist eine neue Welt für uns", sagte Jones. "Wir haben jahrelang darüber gesprochen, aber nun ist es eine Realität in unserer Arbeit geworden." Die Polizei habe diesen Tag gefürchtet.

Identität des Mannes

Bei dem Mann habe es sich um einen Brasilianer gehandelt, ergänzte ein Polizeisprecher später. Der Erschossene sei 27 Jahre alt gewesen und habe als Elektriker in den vergangenen drei Jahren in London gelebt. Der Mann war früheren Angaben zufolge von Beamten an dem Bahnhof angesprochen worden, habe den Anweisungen der Polizisten nicht Folge geleistet und sei dann erschossen worden. Ein Augenzeuge sagte, die Beamten hätten fünf Schüsse auf den am Boden liegenden Mann abgegeben. Zuvor hatte die Polizei Bilder von vier Verdächtigen veröffentlicht und die Öffentlichkeit um Hinweise gebeten.

Livingstone: "Todesschuss-Politik"

Londons Bürgermeister Ken Livingstone hatte unterdessen die "Todesschuss-Politik" der Polizei am Freitag verteidigt und gesagt, sie sei nötig, wenn jemand möglicherweise eine Bombe bei sich trage. Der britische Moslem-Rat forderte dagegen eine Erklärung für den Einsatz der Polizei. Laut "Financial Times" gab Scotland Yard einen neuen Befehl aus, wonach beim Schießen auf mutmaßliche Selbstmordattentäter auf den Kopf gezielt werden soll und nicht auf den Körper, weil dort ein Sprengsatz explodieren könnte.

Der Moslem-Rat-Sprecher Tazzam Tamimi, sagte, Moslems hätten nun Angst, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und die U-Bahn zu benutzen. "Ich fürchte, wir werden zu dieser Schlussfolgerung kommen", sagte er dem Rundfunksender BBC. "Jemandem die Lizenz zum Töten auf Grund eines Verdachts zu geben, ist sehr Furcht einflößend."" Besonders problematisch sei, dass das Aussehen - dunklere Hautfarbe, asiatisch - für den Verdacht ausgereicht habe. (APA/Reuters/AFP)

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    Bild des 27-Jährigen, der am Freitag in der U-Bahn Station Stockwell von Polizisten erschossen wurde.

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    Ein Polizist visiert während einer Hausdurchsuchung in Brixton, Südlondon, das betroffenen Haus an.

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