Rotkäppchen und die Schnecke

25. Juli 2005, 12:33
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Fernando Alonso, Kimi Räikkönen und Juan Pablo Montoya sind die Favorits - Michael Schumacher hat nur Außenseiterchancen, dennoch wird mit Rekordbesuch spekuliert

Hockenheim - Jede Menge Rotkäppchen hier. Nicht wenige davon hausen in ihren Zelten und Campern im Wald um den Hockenheimring. Nicht wenige davon gehen mit dem Körbchen Bier (85.000 Liter), Frikadellen (35.000 Stück), Brat-und Brühwürstchen (125.000 Stück) holen. Freilich besuchen sie nicht den hinterhältigen Wolf, der die Großmutter mimt, sondern Michael Schumacher, der eine Schnecke spielt, und sie bringen ihm Gunst und nicht das Körbchen; Speis und Trank besorgen ihm andere, und er kann davon haben, so viel er will.

Schlechte Karre

Die Schnecke ist zwar nicht ganz unflott unterwegs in ihrem Gehäuse, welches keine fünf Sekunden braucht, um auf 200 km/h zu beschleunigen, deutlich mehr als 300 km/ h kriecht, aber die Konkurrenz ist besser. Schumacher hat heuer ein schlechtes Auto, sagen die Experten, und keiner widerspricht eindringlich.

Dennoch spekuliert man mit Rekordbesuch auf dem Hockenheimring, dessen GmbH in schweren finanziellen Nöten steckt und die Landesregierung Baden-Württembergs um Hilfe anfleht. Schuld daran ist der mehr als 60 Millionen Euro teure Umbau im Jahr 2000, ohne den Formel-1-Chef Bernie Ecclestone den vor allem für ihn lukrativen Vertrag nicht bis 2008 verlängert hätte. 107.000 hatten vor zwei Jahren für die bisherige Bestmarke am Rennsonntag gesorgt, im Vorjahr kamen 101.000, da hockten also einige daheim, statt in Hockenheim Michael Schumacher beim Siegen zuzuschauen. Heuer werden 110.000 erhofft und die meisten davon werden Rotkäppchen sein.

Die Soli zum Sieg

Dabei sind die Rennen seit geraumer Zeit nicht so dufte. Wer nach der tollsten Action, dem Start, die Schnauze vorn hat, wird meist, wenn nichts kaputt geht, mit dem Sieg belohnt. Aber die WM ist spannend wie selten zuvor, im vergangenen Jahr ödete es ja sogar schon so manches Rotkäppchen an, dass man vor einem Grand Prix relativ ungefährdet sagen konnte, dass der Sieger mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Michael Schumacher heißen wird. Nach elf von 19 Rennen führt zwar der Spanier Fernando Alonso mit seinem Renault (77 Punkte) recht deutlich vor dem Finnen Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes (51) und Michael Schumacher im Ferrari (43), doch bei zehn Punkten für jeden der acht noch kommenden Siege lässt sich allerhand ausrechnen.

Die Rotkäppchen werden dem siebenfachen Champion Schumacher die Daumen drücken müssen, dass er seinen dritten Platz hält, den er zu einem guten Teil dem Sieg im Mini-GP in Indianapolis verdankt, bei dem nur die drei mit Bridgestone bereiften Teams teilnahmen, weil die Michelins nicht renntauglich waren. Den ursprünglich ausgesprochenen Schuldspruch gegen die sieben in Indy nur zuschauenden Teams nahm die FIA gestern offiziell zurück.

Nun meldet auch der zweite McLaren-Mercedes-Pilot, Kolumbiens Juan Pablo Montoya (26 Punkte), seine Titelambitionen an, der Sieg zuletzt in Silverstone hat ihn auf diese Idee gebracht. Montoya versäumte heuer zwei Rennen wegen einer angeblich beim Tennisspielen erlittenen Schulterverletzung und kam, wie er sagt, nach seinem Wechsel von BMW-Williams anfangs mit dem McLaren gar nicht zurecht. Jetzt versteht er sich mit seinem Auto und kündigt an, dem Stallgefährten Räikkönen nicht Platz zu machen, solange er noch eine WM-Chance besitzt. (Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe 23./24.07.2005)

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    foto:montage/derstandard.at
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