Slowene in Triest

29. Juli 2005, 13:57
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Die Novellen des nonkonformistischen Autors Boris Pahor Von Lev Detela

Boris Pahor, 1913 in Triest geboren, wo er noch heute lebt, gilt als einer der bedeutendsten slowenischen Gegenwartsautoren. Von ihm liegen in deutschen Übersetzungen zwei Romane vor, Kampf mit dem Frühling (Klett-Cotta, 1997) und Nekropolis (Berlin Verlag, 2001). Sie sind das literarische Dokument einer tiefen existenziellen Gefährdung des Lebens in der Zeit des Totalitarismus und des Krieges. Auch im vor Kurzem erschienenen deutschsprachigen Auswahlband seiner Erzählungen aus vierzig Jahren, Blumen für einen Aussätzigen, behandelt er - ähnlich wie in seinen Romanen - die Thematik der nationalen Existenz der Slowenen in Triest und Italien nach 1918.

Das Bild der Epoche entwickelt er aus der Sicht des Menschen, der den Faschismus, den Zweiten Weltkrieg und das Martyrium der nationalsozialistischen Lager überstanden hat. Es sind zuerst seine eigenen Erfahrungen, unaufdringlich dargestellt als individuelle und gesellschaftliche Entwicklung eines Heranwachsenden, der auch das zweite Ich des Autors sein könnte. Besonders deutlich schildert er zum Beispiel die Diskrepanz zwischen der zarten, ungeschützten Erlebniswelt der Kinder und der grausamen Destruktion der politischen Entwicklung in der sehr charakteristischen Prosa Feuer im Hafen. Hier beschreibt er, was er als siebenjähriger Bub selbst erlebt hat, als die chauvinistische Menge das slowenische Kulturhaus (des Architekten Max Fabiani, des Schöpfers der Wiener Urania) unter wildem Gejohle der Faschisten, das an die Szenen der Judenpogrome der Nationalsozialisten erinnert, angezündet hat.

Man sieht: Diese literarischen Erinnerungen des Autors sind zugleich auch das Zeugnis, das Dokument der Verfehlungen einer nationalistischen Politik, die in die Unterdrückung des anderssprachigen, des "anderen" Menschen ausgeartet ist. Sie sind das literarische Dokument der Empörung. Mit kleinen Impressionen, Impulsen, Szenen wird - ohne Hass, vielmehr mit Verwunderung und Trauer - die historische Schande vor unserer Haustür, im Herzen Europas, auch für die neuen, jüngeren Generationen, die diese schwere Periode nicht erlebt haben, erfahrbar gemacht. Gegen die Destruktion stellt Pahor das Prinzip des Rechts auf die Heimat und die slowenische Muttersprache (deren öffentlichen Gebrauch die Faschisten verboten hatten) inmitten einer multikulturellen Welt, die er nie infrage stellt. Gerade die kürzere Form ermöglicht es dem Autor, die Realität zwar sachlich darzustellen, sie aber zugleich durch das Hinzufügen gefühlsbetonter Attribute, der Lyrismen und emotionellen Verbindlichkeiten, mit dem eigenen persönlichen Kolorit zu bereichern.

Manchmal hat man das Gefühl, sich inmitten einer Allegorie der Geschichte aus dem Überschneiden und Aneinanderreihen der Vergangenheitsnuancen und Herrschaftsrelikte zu befinden. Triest, schon längst keine kosmopolitische Drehscheibe am Schnittpunkt dreier Kulturen mehr, ist in der Literatur dieses slowenischen Autors des Küstenlandes und des Karstes trotzdem eine wichtige Metapher, nicht nur für den Raum, sondern auch für die Zeit.

Die Erzählungen im Band sind in einer Art chronologischen Reihenfolge angeordnet. Der Bogen der Inhalte und Motive spannt sich vom Ersten Weltkrieg bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon die erste Erzählung "Der Rachen des Löwen aus Stein" führt den Leser durch die Stadtlandschaft von Triest in der Zeit des Ersten Weltkrieges, als inmitten der Bucht von Milje/Muggia bei Triest die österreichischen Kriegsschiffe "Tegetthoff" und "Wien" vor Anker liegen, die etwas später, wie wir in der schon erwähnten Prosa Feuer im Hafen erfahren, "in der Bucht direkt vor der Stadt majestätisch untergegangen waren". Doch die wichtigsten Protagonisten des Geschehens sind die Not leidenden Slowenen.

In der Titelnovelle "Blumen für einen Aussätzigen" steigert der Autor seine Dokumente der Empörung zur tragischen Verbundenheit mit dem wegen seiner nationalen Gesinnung von den Faschisten ermordeten Chorleiter in einer Dorfkirche. In einem der wichtigsten Texte in diesem Buch, der kurzen Erzählung "Die Adresse auf dem Brett", wird das Trauma des Holocaust, das Pahor als Häftling im Konzentrationslager Dachau durchlitten und überlebt hat, als Pandämonium zwischen Leben und Tod aufgegriffen, doch auch in der tiefsten Finsternis sieht der Autor einen Hoffnungsschimmer in der Erneuerung des Lebens auf der Grundlage von Liebe und Humanität. Die Liebe, die im Text "Auf den Klippen" als zarte, gefühlvolle Annäherung voller Lebensfreude und Zuversicht geschildert wird, ist eigentlich ein Hauptthema von Pahor. Auch im Roman Kampf mit dem Frühling wird sie in der Beziehung zwischen der jungen Arlette und Radko, der 1945 aus Bergen-Belsen in ein Sanatorium bei Paris kommt, auf überzeugende Weise dargestellt. Der Zurückgekehrte aus der Welt des Todes aber sollte oder musste sich anpassen. Obwohl er - wie in der Erzählung "Ein ungewöhnlicher Empfang" geschildert wird - mit Misstrauen empfangen wird, sowohl in der eigenen Familie als auch bei den "demokratischen" Behörden.

Und trotzdem: Die literarische Botschaft Boris Pahors ist von einem versöhnlichen Unterton getragen. Der 92-jährige slowenische Autor aus Triest bejaht aus eigener Erfahrung heraus das Leben und die menschliche Solidarität - über alle Grenzen hinweg.

Boris Pahor:
"Blumen für einen Aussätzigen"
Slowenische Novellen aus Triest
Aus dem Slowenischen von Mirella Urdih-Merku,
€ 18,-/224 Seiten, Verlag Kitab, Klagenfurt/Wien 2004
  • Leuchtturm von Triest: Schon die erste Erzählung von Boris Pahor, "Der 
Rachen des Löwen aus Stein", führt den Leser durch die Stadtlandschaft von Triest in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die wichtigsten Protagonisten des Geschehens sind die gefährdeten slowenischen Leute in sozialer Not.

    Leuchtturm von Triest: Schon die erste Erzählung von Boris Pahor, "Der Rachen des Löwen aus Stein", führt den Leser durch die Stadtlandschaft von Triest in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die wichtigsten Protagonisten des Geschehens sind die gefährdeten slowenischen Leute in sozialer Not.

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