Übungen eines angehenden Virtuosen

6. Oktober 2005, 16:51
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Jonathan Franzen lässt die Erde ein bisschen beben: Sein neuester Roman "Schweres Beben"

Neu ist an diesem neuen Franzen lediglich die deutsche Fassung, das Original Strong Motion ist bereits 1992 erschienen. Zwischen The Twenty-Seventh City (1988) und The Corrections (2001) handelt es sich hier um den mittleren der drei bislang erschienenen Romane des gerühmten US-Autors. Sein erzählerisches Werk liegt damit auf Deutsch komplett vor. Wieder hat man es mit einem voluminösen Text zu tun, der bereits von Franzens Willen zur weit ausholenden Erzählung zeugt, zum literarischen Breitwand-Gemälde, zum Auflösen der Postmoderne in einen neuen Realismus. Und wie Die Korrekturen ist auch Schweres Beben ein Familienroman. Familie, das bedeutet bei Franzen nichts Gutes. Vielmehr: "Handeln auf Distanz, mit unsichtbaren Kraftfeldern, die durch Mauern dringen." Das Unheil beginnt in Schweres Beben damit, dass die Mitglieder der Familie Holland ihre Distanz aufgeben und miteinander in Kontakt treten. Eine Erbschaft ist zu regeln, die Kraftfelder zwischen den handelnden Personen werden sichtbar. Da wäre einmal Louis, der 23-jährige Sohn und Sonderling mit den dicken Brillengläsern und einem schlecht bezahlten Job bei einem kleinen Radiosender in Boston; seine etwas ältere Schwester Eileen, ein umschwärmtes "All-American-Girl", das mit dem schüchternen Nerd Louis schon gar nichts gemein hat, nur die in Chicago lebenden Eltern: den gutmütigen Kiffer-Vater Bob, einen Professor für Geschichte, der den alten Hippie-Tagen nachtrauert, und die gefühllose Mutter Melanie, die ihren Mann nicht mehr liebt und nur mit sich selbst beschäftigt ist.

Erstmals bebt die Erde. Eine kleine Erschütterung, die offenbar nur durch einen bösen Zufall ein Todesopfer fordert. Es trifft Rita, die zweite Frau und Erbin des Vermögens von Melanies Vater John. Dieser besaß eine erkleckliche Zahl Aktien eines Chemiekonzerns, die nun an seine Tochter übergehen. Zu Beginn des Romans sind diese Anteile 22 Millionen Dollar wert. Bald tritt die Aktie des Unternehmens jedoch eine lange Talfahrt an. Louis hat das Beben nicht gespürt. Jedoch erschüttert kurz darauf die Seismologin Renée sein eintöniges Dasein. Wie er ist sie im Grunde ein einsamer Mensch. Gegenseitig locken sich die beiden langsam hinter ihren von Gleichgültigkeit getragenen Mauern hervor und beginnen eine Beziehung. Louis zieht bei ihr ein, nachdem er seinen Job verloren hat, weil der Radiosender von einem fanatisch gegen Abtreibungskliniken kämpfenden Prediger übernommen wurde. Derweil beginnt Renée mit den Untersuchungen der Beben und Folgebeben, die in rätselhafter Häufung auftreten. In ihre Recherchen schließt sie den Chemiekonzern ein. Tatsächlich findet sie eine 25 Jahre zurückliegende Studie, die tiefe Bohrungen auf einem Gelände des Unternehmens belegt, und stößt auch auf Informationen, dass dort giftige Abfälle in die Erde geleitet werden. Diese könnten der Auslöser für die Beben sein.

Man sieht schon: Mit den Mitteln einer Inhaltsangabe lässt sich Franzens Roman kaum beikommen. Der Autor entfaltet nicht nur eine Vielzahl an Handlungssträngen, sondern arbeitet sich zudem auch an den verschiedenartigsten Themenkomplexen ab. Was wie ein konventioneller Familienroman beginnt, entpuppt sich als vielköpfiges Gebilde: als eine Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, als Anklage gegen skrupellose Konzerne, als Erörterung über die Abtreibungsfrage sowie die Stellung der Frau in den USA, als Meditation über Einsamkeit usw. Dass Franzen sich an dieser Fülle von Haupt- und Nebenschauplätzen sowie an der wechselnden Perspektivik überheben würde, kann man so nicht sagen. Es erstaunt und beeindruckt sogar, wie er hier offenbar Entwürfe zu mehreren Bücher zu einem halbwegs konsistenten Roman verschweißt.

Dennoch vermag sein Schweres Beben einen, je weiter man vorstößt, immer weniger zu bewegen. Das hat Gründe. Einer davon heißt Louis. Mit ihm ist Franzen zwar eine außergewöhnliche Figur gelungen, die aufgrund ihres zwischen stiller Teilnahmslosigkeit und aggressivem Nihilismus pendelnden Charakter aber einmal kalt lässt, einmal leise Antipathien hervorruft. Das mag Teil des Konzepts sein, strapaziert aber bei einem Roman von fast 700 Seiten das Wohlwollen des Leser trotzdem. Zudem wird einem Louis' sprunghaftes Denken und Handeln nie ganz plausibel erklärt, auch seinen heftigen Auseinandersetzungen mit der Mutter fehlt eine Motivation. Manches wirkt nur widersprüchlich: Einerseits werden die Familienmitglieder als voneinander entfremdet gezeichnet, andererseits zeigen ständige Feindseligkeiten, dass man sich doch nicht so gleichgültig ist.

Die Frauenthematik gerät Franzen zu einem mittleren Desaster: Die Passagen, in denen Renée ihre Außenseiterrolle als starke, unabhängige Frau unter willenlos gebärenden Hausmütterchen überlegt, wirken schlüssig, umso unangenehmer stößt auf, dass am Ende auch sie sich natürlich nichts sehnlicher wünscht als Kinder.

Schweres Beben hat auch gute Seiten. Die Dialoge sind stark, die Exkurse in diverse Wissensgebiete spannend, nie Selbstzweck. Auch die düster anmutende Grundstimmung ist gelungen. Sie führt nur leider nirgendwo hin. Als die unvermeidlich scheinende Katastrophe eines starken Bebens gegen Ende des Buches endlich eintritt, hat nicht nur der Leser das Interesse längst verloren, auch dem Autor scheint es ähnlich ergangen zu sein. Es beschleicht einen das Gefühl, einem angehenden Virtuosen beim Üben zuzusehen. Wäre dieser Roman im deutschsprachigen Raum vor den Korrekturen veröffentlicht worden, so würde man ihn wohl als eine Talentprobe loben. So aber ist Schweres Beben eine mittelschwere Enttäuschung. []

Jonathan Franzen, Schweres Beben. Deutsch von Thomas Piltz. € 25,60/685 Seiten. Rowohlt, Hamburg 2005.

Von Sebastian Fasthuber
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