Hüter der Verwandlungen

22. Juli 2005, 21:13
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Schreiben macht unsterblich. Zum 100. Geburtstag von Elias Canetti am 25. Juli Von Wolf Scheller

Von seiner Herkunft halb Europäer, halb Orientale, war der sephardische Jude Elias Canetti ein Kosmopolit, der in vielen Ländern aufgewachsen ist, sich nicht nur die Sprachen angeeignet hat, sondern auch die Lebensformen. Der kleine Mann mit dem zu großen Kopf lebte vor allem aus der Welt jüdischen Geistes, aus jüdischer Weisheit. Er hätte ein Gelehrter an einer prominenten englischen Universität sein können oder ein Märchenerzähler im Basar. Er passte auch ins Wiener Kaffeehaus, doch das Jüdische blieb bei ihm "Würze und Hauptspeise zugleich", wie Günter Nenning es formuliert hat. Schon der Name "Canetti" - spaniolisch-jüdisch, heißt vermutlich "Kabinetti", der kleine Kohn. "Kohn" heißt wiederum Priester oder Hohepriester. Da kam also bei diesem unersättlichen Augen- und Ohrenzeugen dieses blutgetränkten 20. Jahrhunderts eine Menge zusammen. Sein jüngster Biograf Sven Hanuschek hat Recht, wenn er schreibt: "Elias Canetti hat sich in seiner privaten Diesseitsreligion der Todfeindschaft dem Judentum zugehörig gefühlt, mit aller Skepsis gegenüber jeder engen Gläubigkeit." Und Canetti selbst: "Ich glaube, es ist die eigentliche Berufung von Juden, ihr Sinn, ihre Herkunft zu bekennen, sie nie zu verleugnen, wohl aber dem Glauben zu misstrauen, der sie bis heute unter Pein bewahrt hat."

Canettis Lebensthema war der Tod. Canetti hat einen Trick gegen den Tod: Er schreibt so gut, dass er berühmt wird. Der Ruhm besiegt den Tod. Am Ende seines Großessays Masse und Macht folgt Canettis Schlusssatz: "Wer der Macht beikommen will, der muß den Befehl ohne Scheu ins Auge fassen und die Mittel finden, ihn seines Stachels zu berauben." - Canetti schrieb auf Deutsch. Anfang der 30er-Jahre erlebte er mit dem ersten Roman Die Blendung ein glänzendes Debüt. Doch das Buch geriet sehr bald völlig in Vergessenheit. Doch Canetti, dem die Lust am Überleben, daran, den Tod zu besiegen (auch wenn er wusste, dass dies nie gelingen konnte), ein ewiges Spiel war, konnte dann doch sehr wohl im Alter über sich selbst sagen: "Mit seinem frühesten Leben hat er sich Gehör für das Spätere verschafft." In seinen Aufzeichnungen Das Geheimherz der Uhr ergänzte er dieses Urteil: "Er bereut kein Hindernis, nichts, das ihn aufgehalten hat. Hätte er gewusst, dass er achtzig wird, er hätte mit allem noch länger gewartet."

Canetti war fasziniert vom Zeitalter der Massen, er wollte sich in dieser Masse auflösen und sich zugleich von den Menschen separieren. Das Böse im Menschen erschien ihm glaubwürdiger in seiner Existenz als das Gute und Schöne. Aber vor allen Dingen: Canetti wollte nicht sterben. Da trifft er sich mit dem Psychiater Georg Kein in Die Blendung. Der ist so angetan von der "Großartigkeit der Irren", dass er keinen seiner Patienten heilen will. Im Gegenteil: Er ist enttäuscht von jenen, die zu ihm kommen, weil sie sich Heilung versprechen.

Wie konnte sich einer mit solcher Beschaffenheit in diesem Jahrhundert des Massenwahns behaupten . . .! Fast 30 Jahre lang arbeitet Canetti an seinem von ihm wohl als Hauptwerk empfundenen Buch Masse und Macht, einer morphologischen Studie, in der das menschliche Streben nach Überleben als Urphänomen menschlicher Existenz herausgestellt wird. "Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht. Der Schrecken über den Anblick des Todes löst sich in Befriedigung auf . . . Es ist so, als wäre ein Kampf vorausgegangen und man hätte den Toten selbst gefällt." So kommt es, dass Canetti die Tyrannen und Diktatoren seiner Zeit als Leute betrachtet, die eben "Geschmack am Überleben", am Überleben von Menschenmassen haben. Viel bleibt da für den Dichter nicht mehr zu sagen. So wie es ist, ist es. Canetti, so meinte sein Interpret Claudio Magris entschuldigend, sei eben ein Dichter, der sich verstecke. Vor allem seine autobiografischen Texte scheinen diese These zu bestätigen. "Bei jedem Gedanken", notierte Canetti 1943 in Die Provinz des Menschen, komme es darauf an, "was er unausgesprochen läßt, wie sehr er dieses Unausgesprochene liebt und wie nahe er ihm kommt, ohne es anzutasten."

Seine dreibändige Autobiografie (Die gerettete Zunge, Die Fackel im Ohr und Das Augenspiel) zeichnet sich keineswegs durch beredte Verschwiegenheit aus. Sie ist Ausdruck eines ins Großartige gesteigerten Selbstgefühls, einer Selbstgewissheit, die den Triumph über jene spüren lässt, die als Zeitgenossen zurückgeblieben sind. Merkwürdig genug: In allen drei Bänden, die den späten Lesererfolg Canettis erst in den 1980ern begründeten, bleiben die politisch-sozialen Entwicklungen seiner Zeit unscharf. Stattdessen das unterhaltsame Lachen über die Ver- strickung ins Böse. Canetti wusste, worüber er sprach. Über Jahrzehnte war sein Werk verkannt. "Es ist wahr, dass ich wie der früheste Mensch durch die Vertreibung aus dem Paradies erst entstand", heißt es am Ende des ersten Autobiografie-Bandes. Er suchte dieses irdische Paradies sein Leben lang. Es sollte alterslos sein, seine Bewohner unsterblich, ganz ohne Entstellung, ein Produkt nur für die unmittelbare Anschauung, ein Zustand, der den Gebrauch verschiedener Sprachen überflüssig macht. Als Canetti im Oktober 1981 den Nobelpreis erhält, macht er sich die Notiz: "Ich möchte in Stockholm die Rede gegen den Tod halten. Es soll die Rede meines Lebens sein." Schon am nächsten Tag widerruft er: "Aber ich werde sie nicht halten." Und an anderer Stelle schreibt Canetti: "Wie oft muß man sagen, was man ist, bis man es wirklich wird." (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.07.2005)

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