24 Seelen und mehr als Homer

25. Juli 2005, 18:06
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Kulturbrücke Fratres bringt nach Köhlmeier auch Henisch

Fratres/Slavonice - Mit Frohsinn, Muskelkraft und ritterlicher Tugend hält ein Mann im ausgedünnten Grenzland seinen Hof hoch. Keine Milchwirtschaft, auch wenn er die letzten Kühe seines Vorbesitzers noch persönlich kennen lernen durfte. Der schöne Gutshof von Peter Coreth im nördlichen Waldviertel ist längst ein Veranstaltungsort für Kultur.

Coreth hat den stattlichen Hof im Jahr der Grenzöffnung erworben, um dort seiner Sammlung globaler Kunst-und Kulturgüter als Museum Humanum eine Heimstatt zu geben. Und das an einem Ort, sein Name ist Fratres, der gerade einmal 24 Einwohner zählt!

Fratres liegt direkt an der tschechischen Grenze, in Rufweite zu Slavonice, einer touristisch im Aufbau begriffenen mährischen Kleinstadt, die für ihre bunten Renaissance-Sgrafitti an den Hauptplatz-Fassaden bekannt ist.

Obwohl durch das übliche Grenzprozedere (Reisepass!) getrennt, sind Slavonice und Fratres durch den Verein Kulturbrücke verbunden. Ein Pfeiler dieses Vereins ist Peter Coreths Hof, den er mit eigener Kraft vom Keller (Wein) bis zum Dachboden (Marder), vor allem aber im Museums-und Veranstaltungstrakt bestechend schön renoviert hat. Ilse Aichinger hat hier einmal gelesen, Carl Djerassi hat über Unsterblichkeit gesprochen. Das heurige Sommerprogramm haben Erhard Busek und Ernst Hanisch im Mai eröffnet. Das vergangene Wochenende stand auf "Antike". Das Dorf war um ein Vielfaches seiner selbst belebt.

Bevor man für mehrere Stunden in die Tiefe antiker Gedankenwelten versinken durfte, zeigte das tschechische Künstlerpaar Lenka und Ota Baburek u. a. Fotoarbeiten.


Mythos und Logos

Der Ort ist integraler Bestandteil des hier Stattfindenden: Von der Sinnlichkeit des geschmeidig begrünten Hofes infiziert, lauscht man konzentriert zum Beispiel dem Vortrag über "Schöpfung und Sinnlichkeitskunst zwischen Mythos und Logos" von Andrea Korenjak. Sie erläuterte - im Vorfeld Michael Köhlmeiers - auf wissenschaftlicher Basis mythische Kunst. Köhlmeier knüpfte auf bekannt ergreifende Weise erzählend ein sinnhaftes Netzwerk von Sagenkreisen um antike Musikinstrumente. Die wiederum den Schluss- und Höhepunkt des Abends bildeten:

"Wie klingt Homer?", fragen sich bereits seit mehr als zehn Jahren die Herren Georg Danek (Altphilologe) und Stefan Hagel (Alte Musik). Auf berührende Art rütteln sie an der Vergeblichkeit, dem Original altgriechischer Vortragskunst auf die Spuren zu kommen. Der mathematisch und Software-Begabte der beiden, Stefan Hagel, hat Homers Ilias durch den des Hexameterlesens fähigen Computer gelassen und mithilfe statistischer Akzentverteilungen und Rhythmik ein vorläufiges Rezitationsrezept gefunden.

Auf Zuruf bringen Danek und Hagel mit ihrem kleinen Chor improvisierte Stellen aus Homer. Idealerweise sollte die Zuhörerschaft des Altgriechischen mächtig sein. Ein exklusives Hörerlebnis war schließlich die Welturaufführung des erst kürzlich wiederentdeckten Sappho-Fragments (der STANDARD berichtete) auf originalgetreu nachgebauten Instrumenten (Aulos, Kithara).

Diesen Sommer noch am Programm: Friedrich Achleitner (20. August), Christoph Ransmayr (3. September). Peter Henisch bestreitet das kommende Wochenende mit einer (konzertanten) Lesung. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.07.2005)

Von Margarete Affenzeller

Museum Humanum
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