Manche mögen's heiß

22. Juli 2005, 20:23
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Robert Carsen setzte Giuseppe Verdis "Der Troubadour" in den Sand, Pardon: in die Gestade des Bodensees

Der kanadische Regisseur inszenierte das musikalische Drama als über weite Strecken öden Ölschinken letaler Leidenschaften.


Bregenz - Das Bühnenbild, besser: das bühnenbildnerische Großbauwerk des Spiels auf dem See hat sich im Lauf der zwanzigjährigen Intendanz Alfred Wopmanns zu einer Art Markenzeichen der künstlerischen Unternehmung Bregenzer Festspiele GmbH entwickelt. Die prägnanten, spektakulären Bauten einten die Gegenpole Kunst und Kommerz: Zum einen stellten sie den Anspruch, neue, bereichernde Blickwinkel auf das präsentierte Werk zu ermöglichen, zum anderen konnten dadurch jene Publikumsmassen angezogen werden, die die Basis für den kaufmännischen Erfolg der Festspiele sicherstellten.

Im Jahr zwei nach Wopmann verantwortet nun erstmals der neue Intendant David Pountney die Produktion am See. Und auch das Bühnenbild für Giuseppe Verdis Oper Der Troubadour beeindruckt auf den ersten Blick: Der Besucher sieht ein angeblich 711 Tonnen schweres, raumgreifendes Geflecht aus Silos, Röhren, Stegen und Treppen, mit zwei Tonnen Farbe liebesblutrot getüncht. Die verfallene Ölraffinerie versinnbildliche, erklärt Set-Designer Paul Steinberg, "eine Festung der heutigen Industriegesellschaft - und ihrer kostbarsten Ressource."

Werkwidrige Idee

So sieht man also Manrico mit einem Maschinengewehr und den Grafen Luna im Businessanzug um die Liebe ihrer angebeteten Leonora ringen - so weit, so (gerade noch) gut; Macht- und Liebeshunger, sie sind in der Tat zeitlos in ihrem wüsten Tun. Doch schon eine im zweiten Akt zu bestaunende interpretatorische "Idee" des Regisseurs Robert Carsen erweist sich als klar werkwidrig: Carsen lässt die auf einer kleinen verdreckten Vorinsel hausenden Zigeuner gegen das mit einer Plexiglasmauer abgeschottete Raffinieriegelände anstürmen, während sie in ihrem Chorgesang eigentlich nur munter die Freuden der Weiblichkeit lobpreisen. Ein etwas künstlich herbeigeführter Zusammenprall der Klassen und Kulturen.

Feuer speiende Schlote

Mit fortlaufender Dauer schwant einem jedoch, dass man für diesen Regieeinfall des Kanadiers noch hätte dankbar sein sollen, erschöpft sich doch die inszenatorische Fantasie Carsens weitestgehend darin, die Protagonisten, einander meist fern wie ein einsamer Stern dem anderen, singend die Steige und Stege bekraxeln zu lassen. Und zur (vermeintlichen) Akzentuierung dramatischer Höhepunkte lässt Carsen die hohen Schlote Feuer speien; am Ende wird der Zuschauerschaft dann mit einem finalen Feuerstoß so richtig eingeheizt.

Und auch Paul Steinbergs stählern-statisches Monstrum stemmt sich einer abwechslungsreichen, atmosphärischen Geschichtszeichnung starr entgegen: Nichts regt sich, nichts bewegt sich, fast ohne zusätzliche bühnenbildnerische Anregungen soll der Operngast bei der Betrachtung des metallenen Gerippes mal königliche Palasthallen, mal einen lauschigen Schlossgarten, mal ein Kloster und mal einen Kerker herbeivisionieren - die Kraft der Fantasie, sie muss hierfür wirklich grenzenlos sein.

Immerhin wird man auf akustischem Wege mit Spitzenleistungen wachgehalten: Sondra Radvanovsky gibt eine alles überstrahlende Leonora, mitreißend in Liebe und Leid, mit Pianissimi, die den Atem anhalten lassen und in einer Sekunde mehr von der Magie der Oper spüren lassen als die gut zwei Stunden Carsen'scher Regiearbeit. Larissa Diadkova (Azucena) singt glut- und glanzvoll gegen das düstre Schicksal an; Deanne Meek (Inez) versucht Leonora klarstimmig vor einem ebensolchen zu bewahren.

Die Herren singen durchwegs typengerecht: eljko Lucic als nobel tönender Graf Luna, Alfredo Portilla als stimmlich rebellischer, kämpferischer Manrico, Clive Bayley als uniform klingender Ferrando. Fabio Luisi leitet Verdis Spiel der Leidenschaften mit Genauigkeit und Stimmungssicherheit, die Wiener Symphoniker - sie durften erstmals ihrem kleinen Kabäuschen im Bauch der Seebühne entfliehen und ihre Arbeit vom Orchestergraben des Festspielhauses aus tun - leisten den Anweisungen ihres neuen Chefs präzise und engagiert Folge. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.07.2005)

Von Stefan Ender
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    Ringt auf der Ölraffinerie am Bodensee mit einem Maschinengewehr um die Liebe der angebeteten Leonora: Alfredo Portilla als stimmlich rebellischer, kämpferischer Manrico.

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