Das Ende von Londonistan

24. Juli 2005, 09:46
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Die britische Regierung überdenkt ihre tolerante Haltung gegenüber radikalen Muslimen

London - Die Sun nennt ihn den "Tottenham Ayatollah", was schon deshalb nicht stimmt, weil Omar Bakri Mohammad ein sunnitischer Geistlicher ist, kein schiitischer Ajatollah. Davon abgesehen wird sein Name zur Chiffre einer Debatte, die im Zuge der Londoner Terrorserie in neuer Schärfe entbrennt. Soll man radikale Prediger des Islam abschieben? Oder doch lieber im Lande und damit unter Kontrolle behalten, auf dass sie im Untergrund nicht noch mehr Schaden anrichten?

Omar Bakri Mohammad, geboren in Syrien, lebt in Tottenham, am Nordrand der Themsestadt. 1986 gewährte ihm Großbritannien Asyl, nachdem Saudi-Arabien ihn ausgewiesen hatte. Der 47-Jährige, Vater von sieben Kindern, lebt von 430 Euro Sozialhilfe im Monat und von dem, was seine Anhänger an Spenden für ihren Scheich sammeln.

Erst am Mittwoch, am Tag vor den neuerlichen Anschlägen in London, hat Bakri Salz in offene Wunden gestreut. Auf seiner Website prophezeite er weitere Attentate: Die Bomben des 7. Juli "sind nicht die ersten und werden nicht die letzten sein".

Bis vor Kurzem leitete Bakri eine radikale, nichtsdestotrotz legale Gruppe muslimischer Glaubenseiferer, Al-Muhadschirun (Die Emigranten). Al-Muhadschirun, der Name gilt als Synonym für die britische Politik der langen Leine, die unter dem Stichwort Londonistan in Nahost, aber auch in Nachbarländern wie Frankreich viel Ärger erregte. Die Hitzköpfe sollten ruhig bedrohlich klingende Phrasen dreschen, ein Ventil haben - das war der Deal, frei nach dem Motto: Hunde, die bellen, beißen nicht. So konnte Bakri die Attentäter des 11. September öffentlich als die "Herrlichen Neunzehn" bejubeln, ohne dass etwas geschah.

Erst jetzt scheint sie zu Ende zu gehen, die Ära Londonistans. Seit dem 7. Juli denkt Charles Clarke, Blairs Innenminister, über einen härteren Kurs nach. Wie die Times berichtet, soll er weit reichende Vollmachten erhalten. Er soll Geistliche, die zum Terrorismus anstacheln kurzerhand abschieben oder an der Einreise hindern können.

Omar Bakri Mohammad gilt als einer der Ersten, an dem der schärfere Kurs ausprobiert werden soll. Ein anderer ist Omar Mohammad Othman alias Abu Qatada, ein Islamist palästinensischer Herkunft aus Jordanien. In seiner Heimat wurde er in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt. 1993 kam er mit falschem Pass nach England, seitdem lebt er in Londoner Stadtteil Acton - neuerdings unter Hausarrest. (fh/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2005)

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