Mit dem Wind

21. November 2005, 14:51
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Wer sich als "Querdenker" versteht, findet sich oft als "Querulant" wieder - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Hier schreibt jemand, der es ausgesprochen gut getroffen hat: Denn bei Top-Beratungsunternehmen wie BCG geht es hauptsächlich meritokratisch zu. Das erlaubt die Konzentration auf die Sache - statt auf Politik. Anders ist es oft bei Konzernkarrieren. Da gilt der Lieblingsspruch eines Top-Österreich-Rückkehrers: "Auf dem Weg zur Spitze muss man starken Wind aushalten." Zuletzt haben der Umbau bei HP und der Abgang von Andreas Hacker bei McDonald's gezeigt, wie dünn der Faden ist, an dem Top-Manager hängen.

Ein Wechselbad der Gefühle erleben sie, zwischen Gestaltungshoheit und Freiheitsberaubung. Erfolg kommt von Entfaltung, nicht von Fügsamkeit: Hackers Rückzug mit dem Hinweis, der neue Stil habe ihm den Spaß abhanden kommen lassen, trifft den Nerv einer paradoxen Entwicklung. Angewiesen auf hochmotivierte Top-Performer, die gestalten statt verwalten, sinkt die Attraktivität von Führungsaufgaben wegen immer engerer Vorgaben und immer längerer Berichtspflichten. Kein Wunder: Steigender Wettbewerbsdruck, Unsicherheit und skandalverliebte Medien schaffen ein Klima, das von vielen Unternehmen mit einer Rückkehr zu "starker Führung" beantwortet wird und gleichzeitig der Klage, es fehle an unternehmerisch mutigen (Quer-) Köpfen. Aber: Wie revolutionär darf man sein, wie adaptiv muss man sein?

1. Die Frage nach dem Sinn für sich beantworten: Studien belegen seit Jahren (und keineswegs nur für Führungskräfte!), dass nicht Geld, sondern Gestaltungsmöglichkeiten der wichtigste Motivationsfaktor sind. Zielsetzungen wirken nur, wenn sie als sinnvoll gelten und es auf den eigenen Beitrag ankommt. Etwas zu bewegen anstatt bewegt zu werden gewinnt in der Entscheidung für eine Karriere immer mehr an Gewicht. Ohne Spaß an der eigenen Leistung und Wirksamkeit ist ein überdurchschnittliches Engagement nicht aufrechtzuerhalten. Messbare, machbare und motivierende Ziele zu setzen - für sich und andere - gehört zum Manageralltag. Sie müssen jedoch der persönlichen Frage nach dem Sinn verbunden sein. Was macht den Erfolg im individuellen Sinne aus? Worum geht es - nicht nur in puncto Karriereziele, sondern im Leben?

2. Die Qualität der Beziehungen beobachten: Je höher der Aufstieg in der Hierarchie, desto stärker verschiebt sich das Gewicht von messbaren Leistungsparametern zu unsichtbaren Faktoren. Ob die "Chemie" stimmt ist das eine, ob Werte, Prinzipien und Kultur zusammenpassen das entscheidende. Der Freiraum reicht so weit wie das gegenseitige Vertrauen. Nur: Je kürzer die Verweildauer in einer Position, desto geringer die Chance, auch in der Auseinandersetzung Vertrauen aufzubauen; statt dessen zählt das Zusammenpassen der Charaktere und Werte, wie sie sind - diese stecken die Grenzen der gemeinsamen Gestaltungskraft ab.

3. Die eigene Leistung mit Distanz bewerten: Der Ruf nach Querdenkern und revidierte Qualifikationskategorien, um auf immer schnellere Veränderungen zu reagieren, nimmt zu. Jedoch fehlt es an Instrumenten und Mitteln, um diese zu pflegen. Denn: "Querdenken wirkt nicht im Quartal", wie kürzlich ein Manager sagte. Die modernen, komplexen Bewertungsinstrumente verstellen leicht die Sicht auf eine altbekannte Tatsache: Führungsqualitäten sind stark abhängig von der Wahrnehmung der Geführten und Kollegen. Wer sich als "Querdenker" versteht, findet sich oft als "Querulant" wieder. So wichtig wie der Glaube an sich selbst ist die Fähigkeit, Distanz zum eigenen Denken und Handeln zu finden.

Wer heute in der dünnen Höhenluft globaler Konzerne seine Ziele erreichen will, kann vom Weltumsegler Bertrand Piccard lernen: Gegen den Wind gibt es kein Fortkommen; wer sich nach dem Wind richtet, überlässt diesem das Ziel. Worauf es ankommt ist also: mit dem Wind zu fliegen. Das heißt: dauernd die eigene Flughöhe zu hinterfragen und zu verändern - und somit die Winde für sich zu nutzen.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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