Der Bär und sein Fell

22. Juli 2005, 18:28
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Irgendwelche Koalitionssignale für den Bund abzuleiten wäre verfehlt - Von Samo Kobenter

Man muss nicht boshaft sein, um die Grünen an die auch nicht mehr neue Spruchweisheit vom zu früh verteilten Bärenfell zu erinnern. Sie wollen auf Bundesebene mitregieren und machen kein Hehl daraus - das ist immerhin eine Ansage, die so deutlich von der ungleich größeren Oppositionspartei zuletzt nicht zu hören war. Und während man einander in der SPÖ intern Wollen und Können abspricht, bekräftigen die Grünen in für ihre Verhältnisse geradezu sensationeller Geschlossenheit, dass sie es sich sowohl mit der ÖVP als auch mit der SPÖ vorstellen könnten. Wie gut ihnen so viel Pragmatismus tut, werden spätestens die Landtagswahlen im Herbst zeigen, und da wird man die Geschichte vom Bären und seinem Fell noch öfter zu hören bekommen.

Das Risiko, allzu rasch als Reißverschlusspartei abgestempelt zu werden, die vorerst auf Landesebene die jeweils dominierende Partei an der Macht hält, sehen die Verfechter dieses Kurses offenbar ebenso wie die derzeit schweigenden Kritiker. Wenn Rudi Anschober also das besondere oberösterreichische Klima lobt, das den Grünen die Koalition mit der ÖVP so leicht macht, und Maria Vassilakou in Wien die feine Kooperation mit der übermächtigen SPÖ preist, dann haben beide vor allem eines im Sinn: die Grünen als so selbstbestimmt und siegessicher wie nur irgend möglich darzustellen - unabhängig von ihrer aktuellen Stärke.

Daraus irgendwelche Koalitionssignale für den Bund abzuleiten wäre verfehlt. Die könnte nur Wiens Bürgermeister Michael Häupl mit einer tatsächlichen rot-grünen Koalition im Rathaus setzen, aber hier kommt wieder der alte Bär ins Spiel: So viel von seinem Fell kann die SPÖ in Wien gar nicht ergattern, als dass sie es freiwillig mit den Grünen teilen wollte.

(DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2005)

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