Kulturhauptstadt Patras: Roma raus

27. Juli 2005, 13:45
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Seit vier Jahren versuchen die lokalen Behörden die Roma aus der Stadt zu vertreiben - Griechische Hafenmetropole spricht von "Reinigungsoperationen" - mit Grafik

Patras/Wien – Als "Hauptstadt der Zivilisationen" rühmt sich die griechische Hafenmetropole Patras im Internet. Die Werbeoffensive im Netz hat einen guten Grund: Patras wird 2006 Europäische Kulturhauptstadt. Die Weltoffenheit, die laut der Stadtverwaltung für die erwarteten Besucher angepriesen wird, scheint für die rund 500 in der Stadt lebenden Roma allerdings nicht zu gelten.

Seit vier Jahren versuchen die lokalen Behörden laut dem STANDARD vorliegenden Informationen von Amnesty International und der Internationalen Helsinki Föderation (IHF) wiederholt die Roma aus der Stadt zu vertreiben. Zuletzt wurden laut einem IHF-Bericht Ende Juni 2005 elf Hütten von Roma "plattgemacht". Die albanischen Roma, die die Hütten bewohnen, waren zu dieser Zeit als Saisonarbeitskräfte auf einer griechischen Insel beschäftigt.

Leitung des Bürgermeisters

Insgesamt sollen bereits die Hütten von rund 80 in Patras lebenden Roma-Familien zerstört worden sein. Die Stadtverwaltung von Patras unter Leitung des Bürgermeisters Andreas Karavolas von der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok), bestreitet auf Anfrage, dass Roma aus Patras vertrieben werden. Zusätzlich wird in dem Mail an den STANDARD angemerkt, dass die Stadtverwaltung von Patras darauf bestehe, dass die Regierung eine zentrale Politik für die "final solution" für die Probleme der Roma kreieren müsse.

Die Leitung der Pasok hat die Vorgänge in Patras inzwischen scharf verurteilt. Im August 2001 sollen laut IHF die ersten Demolierungen durchgeführt worden sein. Im Sommer 2004 wurden die Wohnräume von 35 Roma-Familien zerstört, die meisten Roma waren ebenfalls gerade auswärts als Saisonarbeitskräfte beschäftigt.

Das Vorgehen der Behörden gegen die Roma sei systematisch. Bevor Patras EU-Kulturhauptstadt werde, möchte die Stadtverwaltung das Stadtbild verschönern, sagt der Chef des griechischen IHF, Panayote Dimitras, im STANDARD -Gespräch. "Die Stadt will die Roma irgendwo abladen, wo sie niemand sehen kann."

Schmutz und Ratten

Die Vertreibungen wurden laut IHF größtenteils ohne rechtliche Grundlage durchgeführt. Die Stadt Patras bezeichne die Maßnahmen als "Reinigungsoperationen". Die Behörden würden angeben, ohnehin nur unbewohnte Hütten wegen des Schmutzes und der Ratten entfernen zu wollen, berichtet Dimitras. Entschädigungen gebe es meist nicht. Inzwischen haben Roma mithilfe des IHF gegen einen Räumungsbescheid Einspruch erhoben. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.2005)

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