Ehemaliger "Schurkenstaat" sucht Anschluss an West-Investoren

31. Juli 2005, 17:31
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Österreichische Firmen schon länger in Libyen aktiv - Modernisierung der Industrie kostet gut 25 Milliarden Euro

Tripolis/Wien – Seit der Aufhebung des UN-Embargos und der US-Sanktionen gegen die "Große Sozialistische Libysch-Arabische Volksrepublik" mit ihren rund 5,7 Mio. Einwohnern (plus zwei Millionen Illegale aus Schwarzafrika), öffnet der 63-jährige Revolutionsführer Muammar al-Gadaffi die Wirtschaft des Landes zaghaft. Bis 1968 galt der Wüstenstaat (drei Einwohner pro Quadratkilometer) wegen seiner Erdöleinnahmen als eines der reichsten Länder Afrikas, heute ist Libyen zwar immer noch reich, es profitieren davon aber nur Wenige.

Erste Privatisierungen

Wegen Gadaffis revolutionären Ideen und Verbindungen zu Terroristen galt Libyen bis vor Kurzem als "Schurkenstaat"; nun versucht man Investoren ins Land zu holen, erste Privatisierungen zu realisieren. "Die Reformen werden nur langsam vorangehen", so der Internationale Währungsfonds, der allerdings weiterhin "starkes Wirtschaftswachstum und niedrige Inflation" erwartet.

2004 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 9,3 Prozent auf 27 Mrd. US-Dollar, die Preise sanken um 3,4 Prozent, der Staatshaushalt lag, dank des Öls, mit fast sieben Mrd. Dollar im Plus. Die Ölproduktion stieg um rund ein Zehntel auf 1,6 Mio. Fass pro Tag und allein die Ölexporte brachten rund 19 Mrd. Dollar ein. Größter Handelspartner ist Ex-Kolonialherr Italien. Die Einkommen der Libyer stiegen seit 2000 um fast 50 Prozent – allerdings nur wegen der Beamten, die bereits 70 Prozent aller Beschäftigten stellen.

Dollars gesucht

Die Pläne der Libyer sind ambitiös: Bis 2010 wollen sie ihre Ölproduktion mehr als verdoppeln. Das setzt aber ausländische Investments voraus, denn Libyens veraltete Industrie braucht dafür bis 2010 schätzungsweise gut 30 Mrd. Dollar (25 Mrd. Euro). Massiv ausgebaut werden sollen zudem Straßen und Telefonleitungen; eine Eisenbahn gibt es nicht.

Jüngst international ausgeschrieben: Der Ausbau eines E-Werks, (elf internationale Bieter), Einkaufszentren, Hotels. Erstmals seit der Aufhebung der Sanktionen hat ein US-Unternehmen eine Non-Oil-Ausschreibung gewonnen und errichtet bis 2008 ein zwei Mio. Quadratmeter großes Stadtgebiet in der Hauptstadt Tripolis. Derzeit sind noch die meisten ausländischen Unternehmen im Bereich des Ölgeschäfte aktiv, im Pipeline-Bau, in der Wasseraufbereitung, und, seit Kurzem, in der Hotellerie.

Österreicher schon länger in Libyen aktiv

Die OMV ist seit Jahrzehnten in Libyen aktiv, ebenso VA-Tech, Siemens oder Vamed. Eines der größten Projekte in dem Land, in dem es keinen einzigen Fluss gibt, pflegt Gaddafi als "achtes Weltwunder" zu vermarkten: Das "Great Man-Made River Project", in dessen Rahmen Süßwasser aus den Tiefen der Sahara per Pipeline in den Norden Libyens gepumpt werden soll, ist im Verzug und dürfte 32 Mrd. Dollar verschlingen. (gra, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.7.2005)

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    Mit dem "Great man-made River Project" soll die libysche Wüste bewässert werden.

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