Betrugsverdacht in Wiener Apotheke

27. Juli 2005, 19:53
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An sich unverkäufliche Musterpräparate aus Spitalsbeständen sollen manipuliert und dann regulär verkauft worden sein

Wien – "Wenn das stimmt, dann ist das eine Malversation, die strafbar ist." Gottfried Bahr von der Österreichischen Apothekenkammer ist entrüstet über den Vorwurf, den ein Insider gegenüber dem ^Standard erhebt: Mediziner sollen an sich unverkäufliche Medikamentenmuster in eine Wiener Apotheke geliefert haben, wo sie dann regulär verkauft wurden.

"In der Apotheke wurde der Aufdruck, der auf die Unverkäuflichkeit hinwies, von der Schachtel weggekratzt und mit einem Aufkleber überdeckt", berichtet der Informant. Dann gingen die Präparate normal über den Ladentisch, den Gewinn teilten Apotheke und Mediziner auf.

Nachforschungen bestätigen Angaben

Vier Packungen rezeptpflichtiger Arzneien liegen dem Standard vor. Nachforschungen anhand der Chargennummer bei MSD, einer der betroffenen Herstellerfirmen, scheinen die Informanten-Angaben zu bestätigen. "Die Nummer stammt aus ei 2. Spalte ner Charge, die im Jänner und Februar 2003 produziert worden ist. 267 Packungen davon kamen als Klinikware nach Österreich", erläutert Britta Blumencron, Pressesprecherin bei MSD-Österreich. "Klinikware bedeutet, dass es ein Gratismuster ist, das nur an Krankenhäuser und Anstaltsapotheken abgegeben und nicht weiterverkauft werden darf", führt Blumencron aus.

Wird die Packung vom Pharmahersteller ausgeliefert, erhält sie daher einen Stempelaufdruck, der auf diese Unverkäuflichkeit hinweist. Bei den vorliegenden Präparaten ist just jene Stelle, an der dieser Stempel prangen sollte, weggekratzt und mit dem Aufkleber der betroffenen Apotheke verdeckt worden.

Bis zu zehn Prozent manipuliert

"Bis zu zehn Prozent der Medikamente in der Apotheke waren solche Ware", schätzt der Informant. Mindestens zwei Mediziner, einer davon aus einem Wiener Großspital, sollen die Arzneien geliefert haben. Warum er mit den Vorwürfen erst jetzt an die Öffentlichkeit geht? "Ich wollte zeigen, dass es nicht nur um die Naturalrabatte geht. Schließlich ist es unser Geld."

Bei der Apothekerkammer sei nie etwas in dieser Richtung angezeigt worden, beteuert Präsidiumsmitglied Gottfried Bahr. Auch Wolfgang Gerold vom Wiener Krankenanstaltenverbund weiß von keinem Fall, in dem Klinikware aus einem Spital der Bundeshauptstadt verschwunden wäre. Allerdings: Außer bei speziellen Medikamenten wüsste man nicht über den Verbleib jeder einzelnen Chargennummer Bescheid, schränkt er ein.

Heftiger Politstreit Neben diesem neu aufgetauchten Betrugsvorwurf geht auch die Diskussion um die legalen Naturalrabatte weiter. Die Tatsache, dass die Pharmaindustrie Ärzten, Spitälern und Apotheken zusätzlich zur bezahlten Bestellung Präparate schenkt, erzürnt die SPÖ. Deren Rechnungshofsprecher Günther Kräuter forderte Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (VP) am Freitag zum Rücktritt auf, da diese nicht dafür sorge, dass die Rabatte den Patienten zugute kommen. Rauch-Kallat wies den Vorwurf scharf zurück und verwies auf die geplante Novelle des Arzneimittelgesetzes, in dem Geschenkannahmen ab einem jährlichen Wert von 7500 Euro mit Haft geahndet werden sollen. (DER STANDARD-Printausgabe, 23./24.07.2005)

Von Michael Möseneder
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    foto: photodisc
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