Bawag/P.S.K. geht in die Wüste

31. Juli 2005, 18:00
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Gewerkschaftsbank eröffnet als erste westliche Bank eine Repräsentanz in Libyen – Hoffnung auf Petrodollars

Der Festsaal im wohl luxuriösesten Hotel von Libyen, dem 2003 eröffneten Corinthia Bab Africa in Tripolis, direkt am Mittelmeer, war randvoll, als der Chef der Bawag/P.S.K., Johann Zwettler am Mittwoch-Abend seine jüngste Errungenschaft präsentierte. Der Gewerkschaftsbanker (die Bawag gehört dem ÖGB) eröffnete mit sichtbarem Stolz die Repräsentanz seiner Bank in Libyen, und betritt damit Neuland: Die Bawag ist die erste westliche Bank, die im Wüstenstaat Aktivitäten entfaltet.

Libyen ist gerade dabei, seine Wirtschaft zaghaft zu öffnen, erstmals dürfen ausländische Unternehmen Banken im Staate Muammar al-Gadaffis gründen (siehe Artikel Ehemaliger "Schurkenstaat" sucht Anschluss an West-Investoren). ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch, der der Delegation ebenso angehörte wie Bawag-Präsident Günter Weninger, freute sich auch: "Ich bin froh, dass wir als erste europäische Bank hier sind, in einem Land, das sich öffnen und entwickeln will."

Gadaffi und Kreisky

Von ihrem "exotischen" Standort aus (Zwettler) werden die Banker den arabischen Raum bearbeiten, ohne freilich den Instituten vor Ort Geschäft abgraben zu wollen, wie Zwettler betonte. Die Repräsentanz – ein kleines Büro im Corinthia-Hotel, dessen einziger Wandschmuck ein riesiges Foto von Revolutionsführer Gadaffi mit Bruno Kreisky ist – mit ihren vier Mitarbeitern ist freilich nur für die Anbahnung zuständig. Die Geschäfte selbst soll die Bawag in Wien oder ihre Tochter in Malta erledigen.

Konkret spitzen die Banker auf die Petrodollars der Libyer, auf Veranlagungen von Unternehmen aus der Region. Zwettler schätzt, dass Einlagen bis zu 500 Mio. Euro zusammenkommen könnten, wie er am Rande des Festaktes zu österreichischen Journalisten sagte. Hoffnungen macht er sich auch aufs Wertpapier- und Fondsgeschäft; laut Bawag-Vorstand Christian Büttner werde man auch die Märkte Tunesien, Algerien, Ägypten bearbeiten.

Natürlich soll der Einstieg in der Wüste keine Einbahn sein. In die Gegenrichtung will die Bank ihre Kunden aus West- und Osteuropa in den arabischen Raum begleiten. Die Kontrollbank (OeKB) soll bei den Finanzierungen für Infrastruktur oder Tourismus- und Telekom-Bereich mitwirken. OeKB-Chef Rudolf Scholten: "Alle Europäer bereiten sich auf Investitionen hier vor. Wir rechnen mit einer schrittweisen Entwicklung des Marktes, in dem sich allerdings noch Rechtssicherheit herausbilden muss."

"Sicher nicht Ukraine oder Russland"

Warum die Banker den riskanten Sprung in den Wüstensand dem Hüpferchen über die Donau zwecks Ausbau des Geschäfts in Osteuropa vorziehen? Zwettler: "Rund um Österreich sind wir schon präsent, wir gehen sicher nicht in die Ukraine oder nach Russland. Hier ist jetzt der richtige neue Bereich für uns." Verzetnitsch bemühte in seiner Argumentation die Satzung, in der es auch ums "Erreichen von wirtschaftlichem Wohlstand" gehe: "Veranlagungen aus libyschem Ölgeld stehen dem ja nicht entgegen."

Die Dividenden der Bawag/P.S.K., die Ende September fusioniert wird und ab da der gewerkschaftseigenen AVB-Holding AG (Anteilsverwaltung Bawag) gehört, gedenkt der ÖGB übrigens weiterhin selbst zu kassieren. Verzetnitsch zu den Plänen für einen Börsengang oder die Hereinnahme eines Partners: "Philosophieren Sie nur weiter. Ich bin mit dem jetzigen Zustand sehr zufrieden, wir haben keine Veranlassung, etwas zu ändern." (Renate Graber aus Tripolis, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.7.2005)

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