Kinderschänder-Prozess in Frankreich: Kaum Reue oder Einsicht

26. Juli 2005, 09:02
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Angeklagten lachten über Aussagen ihrer Opfer - Die grausamen Details bestürzten sogar routinierte Anwälte

Angers – Der bisher größte Kinderschänderprozess der französischen Justizgeschichte hat durch entsetzliche Beispiele sexueller Gewalt, von Zwangsprostitution und Perversion die Beobachter tief erschüttert. Auch routinierte Anwälte mussten bei den Schilderungen der Verbrechen an den 45 Opfern, von denen manche zur Tatzeit noch Babys waren, mit den Tränen kämpfen. Hinzu kam nach mehr als viereinhalb Monaten Verhandlungen die bittere Erkenntnis, dass bei den 65 Angeklagten kaum etwas von Reue oder Einsicht zu spüren war.

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Das Martyrium der Kinder im Alter bis zu zwölf Jahren hatte von Jänner 1999 bis Februar 2002 gedauert. Das Urteil soll am Samstag oder an einem der folgenden Tage verkündet werden.

Bis zuletzt verschanzten sich die Angeklagten hinter einer Mauer des Schweigens, wiesen jede Verantwortung zurück oder sagten, sie könnten sich nicht mehr erinnern. Die Videofilme mit den Aussagen der Kinder wurden zum Teil mit Schulterzucken oder sogar Lachen quittiert.

Verhasste Kinder

"Ich hasse meine Kinder", gestand ein Angeklagter. "Ich weiß, dass ich das Leben meiner Enkelin zerstört habe", war eines der seltenen Eingeständnisse eines Angeklagten, der sich jahrelang an den Zusammenkünften zur Vergewaltigung beteiligte und seine Enkelin für wenige Euro an Bekannte "vermietete". "Diese Männer und Frauen haben den Sinn für Menschlichkeit verloren", zog ein Anwalt der Kinder, Philippe Cosnard, Bilanz. Ob die Opfer jemals ein normales Leben führen können, ist fraglich. Die Kinder sind den Einschätzungen der Gerichtspsychiater folgend seelisch zerstört, haben schwere Schulprobleme, ein abnormes Verhältnis zum eigenen Körper und stehen unter Psychopharmaka, um Angstzustände zu beruhigen.

Auch Frauen und Mütter an Grausamkeiten beteiligt

Erschütternd war auch die Tatsache, dass sich Frauen in dieser Bande ebenso aktiv an den sexuellen Übergriffen beteiligten wie die Männer. Eine dieser Mütter sagte vor Gericht, dass sie als Kind jahrelang vom eigenen Vater vergewaltigt worden war.

Für die Verteidiger der Täter war dies ein Prozess der "sozialen Not, der Pornografie und des Gruppendrucks ohne eindeutige Beweise". In der Tat war das Milieu der Kinderschänder in diesem Randviertel der westfranzösischen Stadt geprägt von Arbeitslosigkeit, Alkohol und schwach entwickelter Intelligenz.

Spirale der Gewalt

Die meisten Täter haben die Spirale der Gewalt fortgesetzt, die sie selbst erlebt haben. Viele wurden als Kinder von Familienangehörigen sexuell missbraucht. Ihre Verteidiger konnten nur mit größter Mühe Argumente der Entlastung finden und forderten schließlich "eine möglichst gerechte Strafe". Die Staatsanwaltschaft hat für drei der Angeklagten lebenslange Haftstrafen gefordert, weil sie dieses Netz der Kinderprostitution organisiert haben.

Insgesamt wurden 672 Jahre Haft gefordert – von sechs Monaten auf Bewährung bis zu‑ 30 Jahren für drei Vorbestrafte, die bereits wegen Vergewaltigung Minderjähriger im Gefängnis saßen. "Diese Männer müssen für lange Zeit hinter Gitter um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen", begründete der Staatsanwalt seinen Antrag. (dpa,Petra Klingbeil, DER STANDARD Printausgabe 23.7.2005)

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