Runter vom Baumhaus

22. Juli 2005, 23:38
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Wer will der Verheißung heute noch folgen? Anderssein ist Mainstream geworden

Freunde von mir wohnen in einem heruntergekommenen Haus auf dem Land. Ihr Leben ist mühsam, Geldverdienen Glückssache, das Kind wächst ohne Gleichaltrige auf, die Schule ist fern. Sie sind übrig geblieben, als Rest einer größeren Gruppe. Sie waren Freaks, lässig und anziehend, heute wirken sie bitter und grau. Aus selbstbewussten Aussteigern sind Verlierer geworden. Wenn ich sie treffe, werde ich traurig. Ich sehe nicht mehr, was sie richtig machen. Die Welt, der sie den Rücken kehrten, ist nicht besser geworden, doch ihre Geste ist verbraucht.

Das Leben ist heute so gut oder schlecht wie vor 25 Jahren, als sich die Freunde ins Abseits begaben: profan, konsumorientiert, weit von der Wahrheit entfernt, jeder Tag ein Verlust, gemessen an den alten Träumen. Wirtschaftliche Zwänge, teure Mieten und Kassen, dazu, wenn man alles falsch macht, Bausparvertrag und Vollversicherung. Der Westeuropäer lebt noch immer im Gefängnis – nur sieht er draußen, vor den Gitterstäben, die Freiheit nicht mehr. Er ist wie der traurige Pflegefall ans Bett der Gegenwart gefesselt, von den Widersprüchen des Lebens sediert, und wenn jemand käme, die Fesseln zu lösen, würde er sagen, lasst mich in Ruhe. Wohin sollte er auch gehen? In den kranken Wald? Aufs Land, wo die Reihenhäuser stehen? In einen Ashram, für immer? Auf eine Insel, Souvenirs verkaufen? Auf den Monte Verità?

Kreta, zum Beispiel, war schon vor 25 Jahren unmöglich. Wer dem Klischee folgte, man lebe dort wahrhaftiger, wurde enttäuscht. Während im Norden die Betonburgen für Neckermann aus dem Boden wuchsen, versank der Süden im Müll der internationalen Alternativkultur. Teilzeitabenteurer mit Rucksäcken mischten sich mit echten Aussteigern, die bekifft ihren traurigen Silberschmuck verkauften. Mit Wahrheit hatte das weniger zu tun als mit feindlicher Übernahme und selbst gewähltem Elend. Selbst auf Mallorca, dieser schönen Insel, die den Touristen gehört, haben sich Aussteiger gehalten. Sie verstehen ihre Welt nicht mehr. Die Natur, die sie suchten, wird von Bikern und Wanderern durchpflügt, die Chartermaschinen landen im Sekundentakt, die Technik hat sie eingeholt. Für den Aussteiger gab es ein Drinnen und Draußen, hie das Spießerleben mit seinen Zwängen, da das Reich der Selbstverwirklichung und Freiheit. Er zog die Notbremse und verließ den Zug, in dem die andern weiterfahren mochten, ohne ihn. Er setzte den Fuß in ein Land, das mehr verhieß: erfüllte Zeit, echte Natur, die ganze Wahrheit, ungeteiltes Glück.

Wer wollte der Verheißung heute noch folgen? Die Bremse greift nicht mehr, wie in den ICE-Zügen, die keinen Nothalt kennen. Wer dennoch aussteigen würde, stünde vor dem Nichts. Das gelobte Land ist weg, Utopia ist abgebrannt. Die alten Zwänge sind noch da, nur draußen wartet keine Erlösung, nirgends. Der Grund ist einfach kompliziert. Was die Aussteiger erträumten, ist auf zynische Weise real geworden. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus hat unsere eine Welt die Alternativen aufgesogen wie ein Schwamm. Die Verheißungen liegen, entstellt, unter unsern Füßen.

Noch der kühnste Entwurf ist eingeholt, domestiziert, kapitalisiert. Den Ausflug ins wahre Leben macht der postpostmoderne Mensch am Feierabend. Er steigt aufs Rad und fährt hinaus. Er nimmt das Flugzeug und landet für ein Wochenende im verlorenen Paradies. Er frischt seine Seele im Kloster auf. Und immer kehrt er zurück. Er übt Bogenschießen, für den gesellschaftlichen Aufstieg. Er macht Yoga – um zu funktionieren. Er geht "off the roads", im Porsche Cayenne. Er mag ein Freak sein, er gehört dazu. Er lebt gut vom Anderssein. Er kann sogar, wie eine ganze Generation Alternativer in Deutschland, für eine Weile die Macht im Staate haben.

Natürlich sehen wir manchmal noch, zwischen martialischen Jeeps, einen uralten VW-Bus mit einem Dreadlock-Typen drin. Doch der ist Zitat, ein tüchtiger Mann auf dem Weg in seine Agentur, wo er Webseiten oder Snowboards entwirft. Man kann noch immer nach Australien gehen, Schafe scheren, in die Maremma, Wein anbauen, doch dann mit Internet-Anschluss, sonst klappt die Vermarktung nicht. Und halb Europa ist einem auf den Fersen. Der Aussteiger wollte etwas aufbauen. Sein Nein war konstruktiv. Er zahlte einen Preis, im Wissen, dass es sich lohnen würde, übte leichten Herzens Verzicht. Anstelle von Macht würde er sein Innerstes berühren, statt Geld fände er Muße, anstelle von Erfolg den Sinn des Lebens. Abgesehen davon, dass die Rechnung oft nicht aufging, ist inzwischen die Polarität von Innen und Außen, Richtig und Falsch verschwunden.

Die Welt ist kleiner, die Gesellschaft offener geworden. Das zeigt der Welttourismus, das zeigt der Siegeszug grüner Themen in der Politik, das zeigen die Karrieren der DJs, Werber, Journalisten, die Biografien manch grüner Politiker, das Fernsehen, wo neben den radikalen Einsteigern wie Günter Jauch immer mehr Paradiesvögel und Freaks auftreten, mit Erfolg. Das zeigten die Manager am Neuen Markt, die aussahen wie ihre ungezogenen Söhne. Anders sein ist zum Mainstream geworden, es braucht das Nein nicht mehr. Wer wollte noch den alten Preis, Ohnmacht und Verzicht, bezahlen, wenn der Sex-Appeal des Aussteigers auch so zu haben ist.

Viel schlimmer aber: Welche Utopie wollte einer errichten, ohne dass ihn die gleichmütig tolerante Gesellschaft verlachte. Das postpostmoderne Leben bringt alles zusammen und durcheinander, Sinn und Unsinn, Sonnenuntergang und digitale Morgenröte, Anpassung und Selbstinszenierung. Jeder kann alles haben - den Berg der Wahrheit besteigen, mit High‑ Tech-Rüstzeug. Tag für Tag, jede Woche, wie es ihm beliebt, steigt er aus und wieder ein. Der Weltinnenraum des Kapitals, mit dem Wort von Sloterdijk, lässt uns dazugehören, ob wir wollen oder nicht. Wir gelangen nicht hinaus, selbst wenn wir einer Sehnsucht folgen. Ihre Erfüllung wird schließlich an der nächsten Ecke feilgeboten. Inzwischen tritt eine extreme Variante des Aussteigers, die nur nicht so heißt, auf den Plan. Etwa in Gestalt jener jungen Briten aus Leeds, die am 7.Juli nach London fuhren. Der Selbstmordattentäter trägt sein totales Nein im Rucksack oder Sprengstoffgürtel. Er greift unsere Gesellschaft an, ohne Utopie vor Augen, und macht uns die plurale, grenzenlose Binnenwelt zur Hölle auf Erden.

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Lukas Hammerstein, geb. 1958, studierte Jus und Philosophie. Er lebt in Bayern, schreibt Essays, Radiofeatures und Romane (Die 120 Tage von Berlin, S. Fischer). DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 23./24.7.2005)
Von Lukas Hammerstein
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